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13. Mai 2010 Johannes Langhoff
Für den
Chormeister. Ein Psalm Davids.
Liebe Gemeinde! So ein Tag, so wunderschön wie heute. So ein Tag, der dürfte nie vergehn. Er sieht die Sonne, die alles in ein strahlendes Licht taucht. Alle Schatten werden ausgeblendet. Es bleibt der klare, freie Blick, der das Sonnenlicht aufsaugt wie einen betörenden Trank. Das gleißende Licht ertränkt alle dunklen Flecken auf de Seele. David besingt die Sonnenpracht als wäre es ein Gott - Eos, Aurora, Ra, mächtige Götter, die das Leben der Welt bestimmen. David bewundert und bekennt in dem Glanz der Sonne die Herrlichkeit JAHWES. David liest in dem Prunk und in der wohl geordneten Weite des Universums die Weisheit und Weisung seines Gottes JAHWES. Oh, keine Sorge. Sie sind nicht in der falschen Kirche, nicht im falschen Tempel und haben sich nicht in eine esoterische Gemeinschaft verirrt. Ich werde Ihnen jetzt nicht die Vielfalt der Götter und Geister predigen, die den Kosmos und die Natur bevölkern. Der christliche Glaube gründet nach wie vor auf der Offenbarung des einen und einzigen Gottes, der sich Jahwe nennt und den wir im Christus Jesus bekennen, den wir durch seinen Heiligen Geist erfahren. Die Natur ist seine Schöpfung und kein Tummelplatz überirdischer Wesen. Wir predigen Vernunft und Verantwortung und suchen die Versöhnung alles Geschaffenen mit seinem Schöpfer. Das macht uns zur Wortreligion. Einer der Evangelisten übertreibt es fast und formuliert: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Alles wurde durch das Wort geschaffen; und ohne das Wort ist nichts entstanden. (Joh. 1,1+3) Zu viele Worte. Nur Worte. Durchdenken. Analysieren. Auseinandernehmen. Die Geschichte der Menschheit ist wie die Geschichte eines Kindes, dessen Neugier und Eroberungslust nicht zu stillen sind, das keine Grenzen kennt. Die Natur in ihrer bewundernswerten Pracht, Fülle und Vielfalt wird zerpflückt, neu zusammengebastelt, bewertet und vernichtet, verwertet und vermarktet, verbraucht. Die Ehrfurcht vor den Stoffen der Erde, das Mitgefühl mit den Lebewesen muss dem Maß und Urteil der Nützlichkeit weichen. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen wird zur natürlichen Durchsetzungskraft verklärt. Dem aufgeklärten Geist, der denkenden Ordnung fehlt die Anteilnahme, das Mitleiden und Mitfühlen. Der denkende Mensch ist sich selbst genug und versteht sich nicht als Teil des viel größeren Ganzen, sondern als der Beherrscher seiner Umwelt. Wortreligion. Schriftreligionen wir drei: Juden, Christern und Muslime. Da kommt der verständliche Vorwurf der Jugendlichen, die sich ihren Platz in unserer Kirche suchen, dass dieser Kirche der Bezug zur Natur fehlt, dass wir zu wenig für die Ökologie täten. - Ich könnte mich ja billigerweise mit dem Hinweis auf unser Kirchendach herausreden. Die erste Fotovoltaikanlage österreichweit auf einem Kirchendach. Das ist Augenwischerei. Wir könnten viel mehr Energie freisetzen, wenn wir weniger verschwenderisch damit umgingen. Wir könnten weniger Verpackungsmüll produzieren. Auch aus dem Jugendkeller müssten nicht jedes Wochenende prall gefüllte große Müllsäcke heraufgeschleppt werden. Stattdessen haben wir unsere Kirchenglocken, die den Politikern zum Umweltgipfel unser schlechtes Gewissen einläuten. Stattdessen verabschieden wir heroische Synodalresolutionen und propagieren siebenwöchiges Autofasten.
Der Worte sind genug
gewechselt… Ich verstehe die Ungeduld der Jugendlichen. Was soll man da
tun? Was kann man da noch tun? Was bleibt ihnen, den jungen Menschen, noch
zu tun?
Die Sammlung neuer Erkenntnisse und Daten, die Entwicklung neuer Produkte – wer braucht noch etwas? - sie laufen schon fast von selbst über die Suchmaschinen in der Parallelwelt des binären Kosmos. Ein paar gescheite Programme, die helfen auszusuchen, zu sortieren und zu unterscheiden, fehlen vielleicht noch. Auch das nur eine Frage der Zeit und eine Spielwiese der Computerfreaks. Was darf ich, was kann ich dieser Welt noch antun? Wartet denn niemand auf mich?
Im Burgtheater läuft
seit kurzem ein altes, beinahe verstaubtes und vergessenes Stück von
Lessing. Der ungekürzte und unveränderte Text des Philotas wird mitten im
Publikum, direkt zwischen den Zuschauern im Vestibül in Szene gesetzt. Das
Drama des Fürstensohnes Philotas, eine fiktive antike Geschichte von
Lessing als Fanal gegen den 7-jährigen Krieg geschrieben, entpuppt sich
als ein Abbild heutiger Befindlichkeit. Der junge Mann, der sich endlich
beweisen wollte, gerät in seinem Übereifer in Gefangenschaft.
Der Heißsporn im Kampf übers Ziel hinausgeschossen und gescheitert, sucht daraufhin die Opferrolle, das Martyrium. Die Kriegsherren gönnen es ihm nicht. Sie wollen die Gefangenen austauschen und erwarten davon eine Annäherung der Feinde, einen Beginn der Versöhnung. Für Philotas eine Schande. Er sieht sich endgültig gescheitert und vernichtet sein sinnlos gehaltenes Leben selbst.
Das ist kein
Aufklärungsstück über Selbstmordattentäter und wird auch nicht als
Antikriegsstück gespielt. In Österreich fehlt es an der
Kriegsbereitschaft, die die Europäer wieder an den Hindukusch oder vor die
Küsten Afrikas treiben. Die Aufführung ist hier und jetzt eine Parabel
über die Frustration der nachwachsenden Generation. Sie haben alles, sie
können alles, sie können alles konsumieren. Sie dürfen sich nur nicht
produzieren. Niemand erwartet etwas von ihnen. Die Alten sollen länger
arbeiten. Die Alten müssen weiter für Steuer und Pension hackeln. Die
Jungen zahlen ihren Steuerbeitrag als Verbraucher und haben nur am freien
Geldmarkt die Möglichkeit zur eigenen Altersvorsorge. Wenn sie einmal
etwas tun und schaffen wollen, werden sie eingebremst.
Sie werden angehalten, sich erst einmal auszutoben und ihre Jugend auszuleben, zu genießen. Wenn sie ein klein bisschen ihrer aufgestauten Energie und ihrer selbst entwickelten Ideen umsetzen, anwenden und erst einmal etwas verändern wollen, dann geht das schief. Dann gerät die Ordnung von links und rechts, dann gerät die politische Farbenlehre durcheinander und stört die muntere und ausgeklügelt, ausgewogene, Streitkultur der Öffentlichkeitsprofis im Umgang mit Posten, Macht und Einfluss. Dann tut sich die Polizei schwer mit unangemeldeten und nicht abgesprochenen Demonstrationen und Besetzungen. Kein Wunder, dass so viel Autoaggression unter den Jugendlichen verbreitet ist wie bei dem gescheiterten Philotas, für den alle immer nur das Beste wollten. Da wird jedes eigene Lebensgefühl ertränkt, der eigene Körper malträtiert, entstellt und gequält. Komasaufen, Piercen, Brennen, Abmagern und was noch alles sind keine Modetrends, sondern der stumme Schrei einer Generation, der man die Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten vorenthält.
Die Gesetze JAHWES
sind Wahrheit, allesamt sind sie gerecht. Das ist jetzt aber ein harter Schnitt. Urplötzlich springt David in seinem Psalmgesang um. Aus der Bewunderung des herrlichen Tages, der Begeisterung für die alles vereinnahmende, beherrschende und überstrahlende Größe des zentralen Himmelsgestirns, landet er bei der Weisung JAHWES, dem Gesetz, dem Gebot und kaut daran herum wie an einer köstlichen und kostbaren Speise. Woher hat er nur diese Verve? Was für ein Schneid? Die Natur mag er in alle Himmel loben und preisen, sich daran ergötzen und unbändig schwärmen. Aber bitte nicht das gleiche für Anweisungen, Gebote und Gesetze. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wollten wir nicht gerade erst die Schönheit der Natur und einen Sinn gebenden Platz für uns in der Welt finden? Da müssen schon wieder Worte her, Wortungetüme, Wortdiktate, die Diktatur der Worte? David lebt aus der Zuwendung Gottes, er speist sich durch das Wort Gottes, sättigt sich an seinen Belehrungen. Das ist so ungewöhnlich, dass es schon wieder interessant ist. Johannes Calvin, der große Lehrmeister der Reformation, hat wie kein anderer auf der Einheit dieses Psalm 19 bestanden. Er hat seine zwei Teile aus dem Himmelslob und dem Lob des Gesetzes nicht als zwei beliebig aneinandergereihte unterschiedliche Stücke verstanden. Für Calvin gehörten sie zusammen wie zwei Seiten einer Medaille zueinander gehören und erst gemeinsam das Wertstück beschreiben. Calvin, man möchte meinen, er war seiner Zeit voraus, hat damals schon den achtlosen und eigennützigen Umgang der Menschen mit der Natur angeprangert und wie der Apostel Paulus bereits sich mit allen Geschöpfen in einer Leidensgemeinschaft erfahren, mit allen Geschöpfen gelitten und gemeinsam auf die Erlösung gewartet. (Röm.8,18f) Mitleid mit der Natur, Solidarität aller Lebewesen, die geschunden und vernichtet werden, weil sie nicht als Gottes Geschöpfe wahrgenommen werden. Nichts ist an und für sich. Nichts ist bloßer Gebrauchs- und Nutzgegenstand für menschliche Interessen und Bedürfnisse. Alles ist Schöpfung und Geschöpf Gottes. Alles hat seinen Platz in der guten Ordnung, die Gott bestimmt hat. Die Menschheit mag nur nicht so gerne anerkennen, dass ihr die Welt nur zum rechten Gebrauch und zum verantwortlichen Umgang anvertraut ist. Die Menschheit mag nicht die Grenzen anerkennen, die Gott gefasst hat und den Rahmen annehmen, den der Schöpfer gesetzt hat. Calvin spielt in seiner Auslegung des Psalm mit dem Bild des gleißenden Sonnenlichtes und erklärt die Menschen für blind ohne das weisende Wort Gottes. Wir sähen bei hellem Licht nicht und wäre blind für die Herrlichkeit Gottes. Indem der Mensch sich von Gott entfernt und entfremdet hat, hat er sich auch von der Schöpfung und aller Kreatur entfernt. Wo Gott keine Rolle mehr spielt, verliert auch der Reichtum, die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung. Trugbilder und Selbsttäuschung beherrschen das Leben. Die Natur wird den Hirngespinsten angepasst, geklont und genmanipuliert, atomisiert und umgebaut. Nichts ist unmöglich. Der verlorene Geschmack einer natürlich gereiften Frucht wird ersetzt durch Zusatzstoffe aller Art an unseren konservierten Lebensmitteln. Die Schöpfung ohne Gott ist ein einziger Katastrophenschauplatz. Und umgekehrt. Die andere Seite der schönen Medaille. Gott ohne seine Schöpfung und ohne uns, wäre ein toter Gedanke. Ein Gott der Philosophie und der Ferne, der unnahbaren, furchterregenden Macht. Calvin schaut mit David bewundernd an das Himmelszelt und ist bezaubert von der zutiefst beeindruckenden Ordnung der Sternenwelt. Er sieht darin ein Abbild der Vorsehung Gottes. Die wohlweisliche Ordnung der Schöpfung, wo alles seinen Platz und sein Recht hat, wo alles ineinandergreift und zueinander gehört, ist ein Gegenstück und ein Gleiches für das Gesetz Gottes, die vollkommenste Richtschnur der Gerechtigkeit. Darüber kann er ins schwärmen kommen wie David. Zu der Wahrnehmung und dem Auskosten des Reichtums der Schöpfung gehört das Wort, der Hinweis, die Weisung. Der Blick, das Hineinsteigen in die schöne Natur brauchen Worte, Namen und Beziehungen. Es gibt ein paar Unworte in der Biologie: "Unkraut" und "Schädlinge". Pflanzen oder Tiere werden disqualifiziert und zur Vernichtung freigegeben. Dabei sind sie alle Teile der einmaligen und vollkommenen Ordnung. Erst wenn durch Störung des ökologischen Gleichgewichtes durch Überzüchtung bestimmter Pflanzen und Tiere und durch das Zubauen der Natur Ungleichgewichte und Schädigungen entstehen, dann ist die Ordnung nicht mehr in Ordnung. Dann ist Gottes gute Schöpfung verkehrt. Die Schönheit, der Liebreiz eines Menschen und die Sehnsucht nach ihr oder ihm, werden oft erst durch Worte erkannt und geweckt. David hat seine Zufriedenheit und Befriedigung, seinen Erfolg und seine Herausforderung gefunden in der staunenden und ehrfürchtigen Wahrnehmung und Bewunderung der Größe und Schönheit der Schöpfung sowie in der wissbegierigen Erkenntnis und demütigen Annahme der Weisungen Gottes.
Der Himmel erzählt
die Herrlichkeit Gottes, Amen |