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30. Mai 2010 Johannes Langhoff
Wer
im Schutz des Höchsten wohnt,
Liebe Gemeinde! Ein anrührendes Bild. Die Glucke sammelt ihre Küken. Die niedliche Schar der kleinen Watteknäuel huscht über den Hühnerhof unter die ausgebreiteten Flügel der Henne. Der Schwan lässt seine Jungen auf den Rücken steigen und hält sie stolz zwischen seinen aufgestellten Federn wie in einem Tragekorb, um sie auszufahren. Der Adler im hohen Horst legt seine kräftigen Schwingen über die zerzauste Brut, um sie vor dem schweren Wetter auf schwindelnder Höhe zu schützen. Sie verstecken sich. Sie werden beschützt vor gierigen Blicken und hungrigen Jägern. Niemand und nichts darf ihnen zu nahe kommen. Dann wird das Muttertier zur wilden Kämpferin. Dann stellt sie sich den ärgsten Feinden in den Weg und verfällt auf die raffiniertesten Schliche, um die Gefahr zu vertreiben, den Räuber wegzulocken, ihre Jungen zu retten und zu beschützen. Ein anrührendes Bild. Das Bild muss uns berühren. Der Mensch ist unter allen Lebewesen der Nesthocker schlechthin. So lange ist kein anderes Lebewesen auf die totale Fürsorge seiner Eltern angewiesen wie wir. Die lange Zeit an Mamas Rockzipfel und Papas Hand ist die Zeit der Menschwerdung. Geborgenheit erfahren, Vertrauen finden, Selbstsicherheit gewinnen und die eigenen Schritte lernen, sich hinauswagen und ausprobieren. Unter dem schützenden Dach der elterlichen Fürsorge, in der Sicherheit der elterlichen Liebe. Das ist das Bild des Psalmdichters oder der Psalmdichterin. Gottes Fürsorge und Liebe zu mir wie das anrührend idyllische Bild der tierischen Mutterliebe. Gott Mutter. Gottes Liebe weiblich dargestellt. Eine wichtige Ergänzung zu dem gängigen Bild der väterlichen Liebe Gottes. Gott Vater. Die häufigste biblische Anrede Gottes. Jesus erweitert und vertieft sie noch, indem er die kindliche Anrede des Vaters nahe legt und Papa zu Gott sagen lässt. Abba heißt das fast genauso kindlich plappernd auf Hebräisch. Jesus fällt bewusst in die Babysprache. Die kleinen Kinder sind ihm Vorbild des Glaubens. Geradezu bedrohlich tönt Jesus: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ (Mk.10,15) Glauben ist Vertrauen. Glauben zu Gott ist eine sichere und einfache Sache, wenn sie aus dem Urvertrauen kommt. Wie kleine Kinder nicht anders können als sich auf die Personen einzulassen, die sich ihnen zuwenden. Beobachtungen an Neugeborenen haben gezeigt, dass die Kinder vom ersten Augenblick an beginnen Blickkontakt aufzunehmen und das Gesicht, das sich ihnen zuwendet, nachzumachen, sich anzupassen, Bindung aufzunehmen. Was ihnen auch gelingt. Diesem Blick kann niemand ausweichen. Davon lässt sich jeder und jede erweichen. Ein Lächeln genügt, eine fragende Mimik, die Stirn kraus gezogen, ein leises Gnäckern, energischere Laute und ein kräftiges Plärren. Kinder wissen sich ihrer Umwelt zu bedienen, erziehen sich ihre Eltern, sind sich sicher, die werden sich schon um mich kümmern. So einfach kann es mit Gott gehen. Nicht anders wendet sich Gott uns zu, wartet auf eine kleine Geste, ein einfaches Wort, nur einen Ton. Wie der Papa mit dem weichen Herzen. Gott Vater. Ein biblisches Bild, das in der Bibel selbst eine Ergänzung erfährt. Gott Mutter. Eine fast überflüssige Ergänzung, wenn man hört und liest, wie das Elternbild gemeint ist, wie von der göttlichen als der elterlichen Liebe gesprochen wird. Die Ergänzung braucht es vielleicht doch. Zum einen, weil die unsägliche Tradition durch die Ikonographie der Bilderkirchen geistert, Gott immer als Mann darzustellen, natürlich als alten Mann mit den Jahrmillionen auf dem Buckel. Warum eigentlich alt, wenn er nicht altert, oder muss er irgendwann sterben? Dumme Bilder! Bilder, die einen Patriarchen suggerieren. Bilder, die den Vater als allabendliche Strafinstitution etablieren. Gestresste Mütter drohen den unfolgsamen Kleinen: „Das sage ich aber dem Papa und dann wirst du was zu hören – oder fühlen – bekommen.“ Und der hat den pubertierenden Kids auch nichts Besseres zu sagen als: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, wird gemacht, was ich sage.“ Gottes Liebe zu uns ist die Liebe der Eltern, die gar nicht anders können, als sich um das kleine, süße, hilflose, neugierige und putzige Baby zu kümmern. Zum Klischee des autoritären Vaters wird das Klischee der aufopfernden, sich hingebenden Mutter gesellt. Beides Klischees, Vereinfachungen, Vorurteile. Rollenerwartungen, die krank machen können, Partnerschaften belasten und Familien zerstören. Er darf nicht weinen und sie nicht die Hosen anhaben. Gerade deshalb. Gottes Liebe umfasst die ganze Hinwendung, das gesamte Spektrum der Gefühle, des Denkens und des Handelns. Gottes Liebe ist wie der Instinkt. Eine unausweichliche Naturgesetzlichkeit. Die Tiere können einfach nicht anders. Über Generationen entwickelt folgen sie zwangsläufigen Verhaltensmustern. Nähert sich jemand einem Nest, verbergen die Alten ihre Jungen unter den Flügeln und bringen sie zum Schweigen. Kein Laut, keine Regung, dass sie nicht entdeckt werden. Kommt die Gefahr dennoch näher, beginnt reflexartig ein Schauspiel. Sie springt heraus, flattert scheinbar hilflos und verletzt herum. Ablenkung, weglocken vom Nest und möglichst rechtzeitig das Weite suchen. Aber nicht bevor die Gefahr vom Nest abgewendet ist. Selbst um den Preis des eigenen Lebens. - Gott hat sein Leben hingegeben für die Seinen. „Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers vor Pest und Verderben. Mit seinen Schwingen bedeckt er dich, und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht, Schild und Mauer ist seine Treue. Du musst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeil am Tag.“ Die Bilder überschlagen sich. Alles, was einem oder einer so im Leben passieren kann, kann mir doch nichts anhaben. Ich habe ihn. Ich habe sie, meinen Gott: Schutz und Schild, Hort und Heimat, Asyl und Festung. Nichts kann mir passieren, rein gar nichts. Da könnte ich fast übermütig werden und nicht nur meine Grenzen ausprobieren, meine Kräfte messen und meine Fähigkeiten ungeniert ausspielen. Das müsste doch gleich für halsbrecherische Experimente reichen, waghalsige Abenteuer und den größten Unsinn, den ich mir ausdenken kann. Mir kann halt nichts passieren. Was kann ich da noch anstellen? Ein Alptraum für Eltern. Der Übermut der Kinder kennt keine Grenzen. Das absolute Vertrauen und Zutrauen zu den Eltern und ihren Fähigkeiten lässt sie in Höhen steigen, in Höhlen kriechen, ins tiefe Wasser springen und alles anfassen, sich mit jedem anlegen. „Das sage ich aber meinem Papa. Dann wirst du schon sehen.“ Und: „Wenn das meine Mama erfährt, dann geht’s dir aber schlecht.“ Da hört sich der Spaß auf. Da können Eltern komisch werden. Der 91. Psalm hat seine eigene biblische Geschichte. Er verbindet sich mit einer besonderen Erfahrung Jesu. Es wird erzählt, dass Jesus nach seiner Taufe von schweren inneren Kämpfen und Zweifeln geplagt wird und sich darum für längere Zeit in die Einsamkeit zurückzieht. Matthäus gibt dem in seinem Evangelium noch zeichenhafte Größe und spricht von 40 Tagen in der Wüste, wie eine Anspielung auf die 40 Jahre der Hebräer in der Wüste, bevor sie das gelobte Land betreten können. Anlass dieser Selbstfindungsrunde ist die Erfahrung bei seiner Taufe, wo ihm offenbart wurde, er sei der Sohn Gottes. Das ist anscheinend ein schockierendes Erlebnis. Bis dato hatte er sich in seinen bisherigen mehr als 3 Lebensjahrzehnten darum nicht gekümmert, wenn er es überhaupt wusste, jedenfalls nicht realisierte. Die Begegnung mit dem Täufer haut ihn um. Das ist eine Zumutung. Das sollte eine Herausforderung sein. Das wäre ja wohl ein Superding. Superman. Alleskönner. Er müsste sich herbeizaubern können, was er nur will. Er könnte anstellen, was er will, ohne dass ihm etwas passierte. Fliegen sollte er können. Und die ganze Welt läge ihm zu Füßen. „Nein“, sagt Jesus. Drei mal Nein. Weder dies noch das und auch nicht jenes. Er wird einen anderen Weg gehen. Er wird in absolutem Vertrauen bis zum Ende den Weg gehen, den ihm sein Vater bestimmt hat. Durch die größte Hölle muss er gehen, Schmerzen, Demütigungen, Spott, Missverständnisse, falsche Nachrede, Verleugnung und selbst den Tod muss er durchleiden, bevor er sein Leben vollenden und erfüllen kann, bevor er zur großen Hoffnung und Verheißung für alle Menschen wird. In der Wüstenszene von Jesu Selbsterkenntnis (Matth. 4) spielt der Psalm 91 seine Rolle. Der Versucher, der Anwalt und Ankläger – was auf Hebräisch Satan heißt – nimmt das biblische Wort in den Mund. Satan zitiert das göttliche Versprechen. „Steht denn nicht geschrieben: Denn er wird seinen Engeln gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stoße?“ Woraufhin Jesus mit einem anderen Bibelzitat antwortet: „Es steht wiederum geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen. (Dtn. 6,16)“ Die Einflüsterung satanischer Versuchung ein Psalmvers, der Psalmvers tiefsten Vertrauens. Der Alptraum der Eltern. Nicht das. Tu das nicht. Aber verbieten können sie es auch nicht, ohne das Vertrauen zu schwächen und durch Barrieren, sogenannte Vertrauensbeweise zu ersetzen. „Wenn du mich liebst, dann machst du so etwas nicht.“ Barrieren, die doch nur den Reiz erhöhen und die Versuchung steigern, sie zu übersteigen, sie zu durchbrechen, sich gerade daran zu beweisen. - Gerade daran beweist sich Vertrauen, beweist sich, dass Eltern Vertrauen verdienen, dass Kinder sich auch auf ein Verbot und ein Nein verlassen können. Ich will das Bild nicht überstrapazieren. Dergleichen Idealeltern gibt es nicht. Eltern sind auch nur Menschen. Das lernen die Kinder mit der Zeit. Und wenn Eltern sich selbst das eingestehen können, dann gewinnen sie sogar den Respekt der rebellierenden Pubertierenden. Ich nehme Gott beim Wort. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich gönne mir Gottes bedingungslose Fürsorge. Er will mir zuverlässiger Vater wie Mutter sein und verspricht mir: „Weil er zu mir hält, will ich ihn retten, ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er zu mir, erhöre ich ihn, ich bin bei ihm in der Not, ich befreie ihn und bringe ihn zu Ehren. Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn schauen mein Heil.“ Amen |