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13. Juni 2010 Johannes Langhoff
Und es kommen Sadduzäer zu ihm, die behaupten, es gebe keine Auferstehung; und sie fragten ihn: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn einem der Bruder stirbt und eine Frau zurücklässt und kein Kind hinterlässt, dann soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken. Nun waren da sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau, und als er starb, hinterließ er keine Nachkommen. Da nahm sie der zweite und starb, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und ebenso der dritte. Und alle sieben hinterließen keine Nachkommen. Zuletzt, nach allen andern, starb auch die Frau. In der Auferstehung nun, wenn sie auferstehen - wessen Frau wird sie sein? Alle sieben haben sie ja zur Frau gehabt. Jesus sagte zu ihnen: Irrt ihr nicht darum, weil ihr weder die Schriften noch die Macht Gottes kennt? Wenn sie nämlich von den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel im Himmel. Was aber die Toten betrifft, wenn sie auferweckt werden - habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, in der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt sehr.
Mk.12,18-27 Liebe Gemeinde! Sie reden aneinander vorbei. Sie reden über total wichtige Themen. Beziehungskisten haben einen hohen Unterhaltungswert. Männer tratschen halt auch gerne. In akademischen Kreisen scheint das so eine Art Ausgleichssport zu sein oder eben Trainingsstrecke für den wissenschaftlichen Diskurs. Am liebsten ist den Herren denn auch das Tratschen mit dem Anstrich wissenschaftlicher Bedeutung. Also wenn sie denn sich eine Geschichte ausmalen und ihre Phantasien darin baden lassen, wie das so ist mit einer Frau mit vielen Männern, Brüdern, derer gleich sieben, fast schon wieder heilig, dann braucht es eine außerordentliche fachspezifische Problemstellung. Auferstehung, Jenseits, ein Leben danach, Ewigkeit, andere Welt. Das ist ein hervorragender Gegenstand mit schier unendlichem Spekulationspotential und gleichzeitig eine attraktive Motivenstellung. Weil, das will jeder wissen, was da noch kommt. Oder etwa nicht? Nun ja, die einen vielleicht nicht. Die Sadduzäer, eine Bewegung und lose Gruppierung bildungsbeflissener und gesellschaftlich engagierter Frommer, halten nichts von einer Auferstehung und einem jenseitigen Leben. Wenn sie den populären Rabbi aus Nazareth in eine Lehrfrage danach verwickeln, wollen sie ihn hinterlistig in ein Bekenntnis für oder gegen die Auferstehung und damit zu einer einseitigen Parteinahme zwingen, ihm den Nimbus des großen Rabbi für alle zu nehmen, und den Anspruch auf Messianität erst recht. Klassische Vernaderungstechniken, mit denen man einen beneideten Konkurrenten schädigt. Und falls er sich auf ihre Seite schlägt, dann könnte er eben ihren Einfluss erweitern. So oder so. Jesus spielt mit. Nur nicht ganz so, wie sie es sich dachten. Jesu Antwort auf diese etwas absurde Konstruktion ist genau genommen eine Abweisung der Fragestellung. Das ist eine nicht unübliche Methode der rabbinischen Lehre. Eine Frage, die das Leben stellt – und das Leben tickt eben anders als es alle Regeln und Gesetze vorsehen -, wird aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und eine Lösung gefunden. Perspektivwechsel, Horizonterweiterung. Wenn sich etwas gar nicht wiederfinden ließ, stellte sich Muttern auf einen Sessel oder einen Tisch und sagte: Jetzt schauen wir mal die Sache ganz anders an. Und wie oft wurde dann das bisher vergeblich Gesuchte tatsächlich gefunden. Perspektivwechsel in aussichtsloser Situation. Wo das Leben nicht in die gängigen und geltenden Normen passt, braucht es andere Koordinaten, Richtwerte und Meßlatten, um ihm wieder Raum zu geben. Die Antwort des Nazoräers auf die Sadduzäerfrage ist allerdings mehr als ein bloßer Perspektivwechsel. Er bringt einen völlig neuen Gesichtspunkt ein und einen ganz anderen Aspekt in die Geschichte. D.h. genau besehen schmeißt er die Geschichte komplett über den Haufen. Er weist die Frage gleich zwei Mal brüsk von sich und stellt die Sadduzäer wie dumme Schulbuben in den Regen. "Ihr irrt Euch!" "Ihr irrt Euch sehr!" Wie begossene Pudel müssen sie dastehen. Ihr solltet gefälligst wissen: Im Himmel geht es anders zu. Und überhaupt, das ist seit Moses Zeiten bekannt, ist Gott nicht für die Toten, sondern Gott ist für die Lebenden da. Gehen wir zur nächsten Frage über. - Obwohl es sehr schade um das Potential dieser haarsträubenden Geschichte ist. Das ist mehr als eine amüsante Kuriosität. Das ist ein reiches Reservoir für viele schöne und hochmoralische Regeln. Denn wenn es erst einmal um Sexualität geht, dann legen die Frommen erst richtig los. Die Sadduzäer ziehen sich an der alten Regel der Schwagerehe, der Leviratsehe hoch. Die älteste Geschichte um die Leviratsehe führt noch immer ein unseliges moralisches Regiment als Erziehungskeule gegen die Selbstbefriedigung. Die Geschichte um Thamar und Juda (Gen. 38), dessen zweiter Sohn Onan sterben muss, weil er sich seiner Pflicht gegenüber der Witwe seines Bruders entzieht und den Verkehr mit ihr jedes Mal vor dem erfolgreichen Abschluss abbricht, gilt als biblischer Beleg für die tödlichen Folgen der Onanie. Das glauben manche noch heute, obwohl Onan ja anderes machte, als sich selbst zu befriedigen. Sei es drum. So genau wollen wir es nicht wissen. Über diese Schweinereien muss man nicht so ausführlich reden. Schon gar nicht in der Kirche und von der Kanzel. Glaub es einfach! Onanie ist eine Sünde. Schade, dass Jesus sich nicht über die eigentümlichen Regel der Schwagerehe etwas mehr ausgelassen hat. Eine archaische Regel, die zum Wohl und zur Lebenssicherung der Witwen gedacht war. Heutzutage, wo die Sozialversorgung anders geregelt ist, wirkt sich die bleibende Praxis der Leviratsehe in einigen afrikanischen Volksgruppen allerdings als böser Fluch aus. Sie trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass Aids eine ausufernde Seuche in Afrika ist. Stirbt ein Mann an Aids, und sie hatten noch keine Kinder, wird sich sein Bruder an der sicherlich von ihm infizierten Frau auch mit dem HI-Virus anstecken und dieses an seine Frau weitergeben und so weiter und so tödlich fort. Das war zu Jesu Zeiten noch kein Thema. Das ist es heute und damit das Sexualverhalten in einer von alten religiösen Sitten und Tabus bestimmten Gesellschaft. Nur die Schamanen und Medizinmänner haben die Macht, etwas gegen diese Form der Ausbreitung von HIV zu tun. Schade dass Jesus die fabelähnliche Geschichte von der sieben Mal verheirateten Frau nicht genutzt hat, um sich Ehefragen, Witwenschaft und etwa dem Scheidungsthema zu widmen. Wenn schon Gott ein Gott der Lebenden ist, dann wären diese Fragen als nächstes dran. Das irdische Zusammenleben mit all seinen Tücken zählt und nicht das Jenseitige und Unbekannte. Das wäre ein markanter Blickwechsel, der von den theologischen Spekulationen auf die Nöte des Alltags zurückverweisen würde. Hat er aber nicht. Bzw. haben die Evangelisten, die diese Streitfrage überliefern (so auch Matth. 22,23-33 und Lk. 20,27-40) nicht getan. Nicht hier bei dieser Gelegenheit getan. An anderer Stelle lassen sie Jesus durchaus zu Scheidungsfragen reden und das sogar sehr nachdrücklich und eindringlich. (Mk.10,2-12; Matth. 19,3-12;Lk.16,18) "Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden." Das berühmte Zitat mit der schwergewichtigen Begründung aus dem Schöpfungsmythos heraus. Dessen wenigstens haben sich die christlichen Kirchen angenommen. Schließlich hat Jesus einerseits die Sadduzäer mit ihrer Jenseitsfrage düpiert und auf das Leben verwiesen. Und an besagter anderer Stelle waren es die Pharisäer, denen er die lässige Scheidungspraxis vorgeworfen hat und ein kräftiges Plädoyer für die verstoßenen und ins Elend verbannten Frauen gesprochen. Also haben die Kirchen – nicht etwa im Sinne Jesu? - die Ehe sakrosankt gestellt und ihre Unverbrüchlichkeit sakramental beschwert. Nicht alle Kirchen zwar, aber doch in der Konsequenz. Wir müssen uns nichts vormachen. Auch die protestantischen Kirchen haben ihre Geschichte mit dem Scheidungsthema. Es ist in Jahrzehnten und nicht Jahrhunderten zu zählen, dass die evangelischen Kirchen Wiederverheiratungen anerkennen und Zweittrauungen praktizieren. Scheidungsangelegenheiten bei Pfarrern und Pfarrerinnen werden heute noch grundsätzlich von Disziplinarverfahren begleitet. Als wären Pfarrer und Pfarrerinnen besondere Menschen so ähnlich wie die geweihten Priester der anderen Kirchen, die besonderen Sexualbedingungen unterliegen. Als wäre die Ehe eine Angelegenheit des rechten Glaubens, die bestimmten Normen unterläge. Auch die protestantischen Kirchen haben die Weisung Jesu in der Abgrenzung gegenüber den Scheidungsgewohnheiten der selbsternannten Moralwächter zu einer gesetzlichen Norm des wahren Glaubens und christlichen Lebens gemacht. Thema verfehlt. Ehe zur Norm, sogar Heilsnorm gemacht, war nicht das Anliegen Jesu. Doch seine Kirche, wir, haben daraus ein heiliges Gesetz gemacht. Der Schutz der Ehe und der Familie, der Schutz von Frauen und Kindern, der besondere Schutz von Witwen und Waisen - ein eindringlicher Ruf der Propheten nach der Gottesgerechtigkeit - ist keine Frage. Das Ja. Das ist Norm. Das ist der Charakter der Gottesgerechtigkeit, dass sie sich nicht in frommen Glauben, fleißigen Opfern und Moral beweist, sondern im Vollzug der sozialen Gerechtigkeit, Solidarität und gegenseitigen Verantwortung. Doch die Ehe als Bedingung und als zwingendes Instrument der partnerschaftlichen Beziehung der Geschlechter ist das Gegenteil. Wenn Paulus die Ehe sogar als Notstand diskreditiert, der für jene Leute bestimmt ist, die auf Sex nicht verzichten können, na dann danke ich schön. "Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten", schreibt er nach Korinth. "Denn es ist besser zu heiraten, als vom Begehren verzehrt zu werden." (1.Kor.7,9) Er kennt halt die Lust der Liebe nicht, die Befriedigung und Beglückung der Vereinigung, die Erfahrung der körperlichen Verschmelzung zweier Seelen. Er käme nicht einmal auf die Idee, die lustvolle Dimension der Liebe in Vergleich zu setzen zu der Liebe Gottes. Auch wenn er ein Hohelied auf die Liebe singt: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die größte unter ihnen aber ist die Liebe." (1.Kor.13,13) Es ist ein geschlechtsloser Begriff von Liebe. Allein die Mystiker können körperliches Entzücken entwickeln, wenn sie sich in die Liebe Gottes, die Liebe Christi oder die der heiligen Jungfrau versetzen. Die christliche Tradition hat die Lust als Gefahr gebrandmarkt, die die Ordnung des Zusammenlebens durcheinander bringt. Doch so ist das Leben. Wo die Liebe hinfällt. Wie die Leute ihre Beziehungen leben. Der Gesetzgeber kommt nicht hinterher. Die Kirchen am allerwenigsten. Normalerweise funktioniert das Staatswesen recht pragmatisch. Ehe und Standesfragen sind das eine, Steuer- und Sozialrecht das andere. Die Finanz und das Sozialamt fragen nicht nach dem Trauschein, sondern schauen darauf, wer mit wem zusammenlebt. Da geht es nicht um ein moralisches Urteil oder die Ausschließlichkeit des Ehe- und Familienrechtes, sondern schlicht um Geld. Das, was zu holen ist, und das, was man den Leuten vorenthalten will. Und so hat die Politik sich denn endlich durchgerungen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe gleich zu stellen, da wird das Gesetz bereits wieder vom Leben überholt. Kommen doch eine Frau und ein Mann aufs Amt und begehren für ihr Zusammenleben eine "Verpartnerung". Na Hallo, stutzt da die Behörde. Dafür gibt es die Eheschließung oder eben die freie Partnerschaft mit vielen zivilrechtlichen Regelungsmöglichkeiten. Nein, sie wollen den Gleichgeschlechtlichen gleichgestellt und gleichberechtigt sein. - Da gibt es nichts zu lachen. So ist das Leben. Patchwork-Familie hat schon nicht mehr viel mit einem Flickenteppich gemein (einem Patchwork), sondern entwickelt sich zu einem durchgängig bunten Gewebe, in dem alles anders geordnet und verknotet ist, als man gerade denkt und erwarten möchte. Ich frage nach der Kirche. Ich mache mir Sorgen, um die verlorene Rolle der Kirche in dem Teil der Gesellschaft, der sie am nötigsten braucht, nämlich dem Zusammenleben der Menschen. Wir sind nicht gefragt in den Bereichen des Zusammenlebens, die am intensivsten sind, in denen, die von Gefühlen beeinflusst oder bestimmt werden. Wir werden nicht für kompetent gehalten in Liebesproblemen. Sagt mir eine Konfirmandin: "Herr Pfarrer, sie verstehen ja nichts von Sex." Fand ich ziemlich beleidigend und unpassend angesichts von Ehefrau, Kindern und Enkeln, die ich niemandem verheimliche. Ich konnte mich gerade noch beherrschen und neugierig auf die Fortsetzung warten, die prompt kam. "Sex muss sein", sagt sie weiter. "Wenn du in die Disco oder auf eine Party gehst, gehört das einfach dazu. Aber wissen Sie, Herr Pfarrer, wie schwer es ist, einen richtigen Freund zu finden?" Danke. Sie hatte mir doch ihre Not gestanden und mich in ihr Vertrauen gezogen. Ansonsten kommen sie meist erst hinterher, wenn sie schon geschieden sind. "Herr Pfarrer, gibt es in ihrer Kirche Scheidungsgottesdienste?" Endlich kommt einer, denke ich. Endlich fragt einer nach kirchlicher Begleitung in der Krise und Hilfen für eine würdige und verantwortliche Trennung mit allem Trauer- und Abschiedsschmerz. Dabei wollt er nur wissen, ob er als Geschiedener bei uns noch einmal eine kirchliche Trauung bekäme. Nicht nur die römische Kirche hat ihre Kompetenz in Beziehungsfragen verloren. Wir gleich mit. Denn auch die evangelischen Kirchen gebärden sich als moralische Anstalten. Die Kirchen treten gegenüber der Politik und dem Staat als Hüterinnen der Werteordnung auf. Wir bewegen uns konservativ, konservieren alte Werte für die Ewigkeit. Kaum haben wir die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ermöglicht, beteuern wir den Unterschied zur Trauung und Ehe. Wir haben den Anschluss verpasst, die Menschen zu begleiten in ihren immer unübersichtlicher und gefährlicher werdenden Versuchen, ihre Beziehungen zu ordnen. Wir müssen zurückfinden zu unserer seelsorgerlichen Aufgabe und dem Auftrag der Verkündigung des Evangeliums von der Liebe Gottes, die ihr Abbild in der Liebe zweier Menschen findet. Wir sollten die Rolle der moralischen Instanz zurückstellen und das Vertrauen auf vorurteilsfreien und versöhnenden Umgang mit den Menschen zurückgewinnen. Jesus sagt ihnen – uns - "Er ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt sehr." Nicht tote Paragraphen gilt es ins Leben zu zwingen, sondern sich um die Lebenden zu kümmern. Weniger Moralpredigten und mehr Verständnis und Begleitung. Wir verkündigen den Gott der Lebenden. Amen |