18. Juli 2010

Johannes Langhoff


 

Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Mann gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, und Winde wehten und warfen sich gegen das Haus, und es stürzte nicht ein. Denn Fels war sein Fundament.

Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist einem törichten Mann gleich, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, Winde wehten und schlugen gegen das Haus, und es stürzte ein, und sein Sturz war gewaltig. Matthäus 7,24-27

 

Liebe Gemeinde!

Das ist sonnenklar. Das muss ich mir nicht erst sagen lassen. Es ist mir schon fast peinlich, die zwei Doppelverse als Predigttext anzubieten. Die sonst so geschliffene Kunst der Bildersprache verliert sich hier in eine Plattitüde. Von einer derartigen Banalität fühlen sich der eifrige Hörer und der interessierte Leser der Lehren Jesus beleidigt. Wir wissen alle, dass man ein Haus nicht auf bloßen Sand bauen kann, sondern dass es einen festen Grund braucht. Dann steht es sicher und ist den Unbilden der Natur und sonstiger Gefahren gewachsen. Der Volksmund sagt es. "Auf Sand bauen" oder "in den Sand setzen" sind die sinnbildlichen Ausdrücke dafür, dass eine Sache zum Scheitern verurteilt ist. Dazu braucht es den berühmten Rabbi aus Nazareth nicht. Das muss uns nicht der Messias, der Christus und Gesalbte sagen.

Matthäus hängt das Umkehrbild von der sicheren und der falschen Grundlage trotzdem der großen Weisungsrede Jesus, seiner sogenannten Bergpredigt an. Matthäus hat die wichtigsten Lehrsätze Jesu zusammengestellt und als Vortrag von einem kleinen Hügel aus in Szene gesetzt. Damit spielt er auf den Berg Sinai an, von dem Mose die Weisungen Gott JAHWES in Stein gehauen dem Volk seines Bundes und seiner Erwählung gebracht hat. Damit wurden die Verpflichtungen aufgelistet, die das auserwählte Volk einhalten sollte, um in dem sicheren Schutz seines Bundesgottes JAHWE erfolgreich und zufrieden leben zu können. Matthäus will also offensichtlich Weisungen der Erneuerung des Sinaibundes geben, die das Volk wieder zurück unter den Schutz Gottes führen sollen, die ihnen ein glückliches und gesundes Leben in friedlicher Gemeinschaft und allgemeinem Wohlstand ermöglichen möchten. "Selig die Gewaltlosen… Selig die Barmherzigen…Selig, die reinen Herzens sind…Selig, die Frieden stiften…"(Matth.5, 5a.7a.8a.9a), so beginnt die Rede und verspricht Glückseligkeit. Das fängt gut an und ist total spannend, weil eben diese Glücksversprechen recht absonderlich klingen. "Selig die Armen im Geist…Selig die Trauernden…Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit…Selig, die verfolgt sind um der Gerechtigkeit willen…Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und euch das Ärgste nachsagen…" (3a.4a.6a.10a.11a). Na das sind doch echte Herausforderungen. Das ist nicht selbstredend. Ganz im Gegenteil zu dem banalen Schluss. Da hätte man mehr erwarten können.

Mehr noch. Dieser Schluss klingt wie die ätzende Rhetorik fundamentalistischer und erwecklicher Einpeitscher, die den Zuhörern ihre Gemeinplätze mit dem Vorschlaghammer einbläuen. Das also mutet uns Matthäus zu. Solcherlei Tonfall unterstellt er dem Christus Jesus.

Nun denn, versuche ich, es noch einmal freundlicher anzugehen. Bitte liebe Predigthörerinnen und Predigthörer, stellt Euch vor: Da baut sich einer oder eine sein bzw. ihr Häuschen. Und sie ist schlau genug, sich guten festen Grund auszusuchen, um die Fundamente des Hauses stabil zu sichern. Das gelingt ihr. Denn tatsächlich hält das Bauwerk Wind und Wetter, Lawinen und Muren stand. Und nun stellt Euch den anderen vor. Der baut sein Haus auf losen Sand. Wie blöd kann man sein. Entschuldigung, aber das versteht doch keiner. Das Grundstück muss schon sehr preisgünstig gewesen sein. Aber billig kommt meist sehr teuer. Denn das Haus hält keinem Wetter stand und wird bei erstbester Gelegenheit eingerissen und weggespült. Da ist das Geschrei groß. Klar doch. Wer macht das schon?

Immer noch viel zu viele. Die Dummheit unter den Menschen ist weit verbreitet. Wenn dann noch Geiz und Habgier dazu kommen, dann werden sie blind und taub für guten Rat und überkommene Erfahrung. Der schlaue Fuchs verliert den klaren Kopf und den kühlen Verstand, wenn große Gewinne und Vorteile locken. Anders ist es nicht zu erklären, warum die Nachrichten andauernd Meldungen und Bilder weitergeben von schweren Wettern, die sich gleich zu Katastrophen ausweiten. Länger anhaltende Regenfälle lockern Berghänge. Die Lawinen und Muren reißen Häuser, Siedlungen und Strassen ein. Ein entgleister Tankwagenzug oder ein Loch in einer Ölpipeline explodieren und verbrennen hunderte von Menschen. Da wollten sie aus dem Unglück der reichen Konzerne ihr Glück schmieden und sich einen üppigen Teil davon stehlen. Der Funke, der sie in ihrer blinden Gier und ihrem brennenden Neid tödlich trifft, ist kein Schicksalsschlag, sondern unausweichliche Folge. Die ohne Rücksicht auf die Bauvorschriften entstandenen wilden Wellblechsiedlungen in den Hängen am Rande der Stadt sind die Ursache für die vielen Opfer eines bloßen schweren Wetters. Die Verlockungen der bunten reichen Welt hat sie aus ihren bescheidenen und einfachen Verhältnissen gerissen und zu den elenden Armen und erbärmlichen Verlierern am Rand des Luxus und des Vergnügens gemacht. Das kann ich schlecht verurteilen, der ich auf der Sonnenseite lebe.

Macht nichts. Katastrophen verteilen sich mit unheilvoller Gerechtigkeit und treffen die Armen wie die Reichen, die Schuldigen und die Unschuldigen. Das schöne Häuschen hierzulande, um das sie sich viel gemüht haben, wunderschön in der Idylle des Stadtrand gelegen, wird ebenso ein Opfer von etwas zu viel oder zu plötzlichem Wetter. Manche haben das zweifelhafte Vergnügen, ihre schmucken Häuser mit Pegelmarken und Unglücksdaten versehen zu können, so oft steigt ihnen der unscheinbare Dorfbach als reißender Fluss ins Haus. Arm dran sind die, die auf unsicherem Grund gebaut haben. Die Gemeinde hat die Bauvorschriften gelockert, um sich zusätzlich Einnahmen von den vielen Bauwilligen zu verschaffen. Das Bergwerksunglück von Lassing vor einigen Jahren ist ein beredtes Beispiel für eine Katastrophe und das Unglück vieler Menschen in Folge von vieler Leute Habgier, die sich über Vorschriften und Gesetze hinwegsetzen. Illegaler Abbau. Baugenehmigungen auf unzulässigem Baugrund. Eine Rettungsmannschaft, die angeblich Verschüttete herausholen sollte. Sie kamen alle um beim Beseitigen der Spuren des illegalen Abbaus, wozu sie tatsächlich in das brüchige Bergwerk geschickt wurden.

Nein irgendwie ist das Doppelgleichnis zum Abschluss der Bergpredigt doch nicht so banal, wie ich es lese. Man kann es anscheinend nicht oft genug sagen. Es gehörte in jedes Baubüro und in das Stammbuch eines jeden Häuslbauers und sei es eine Wellblechhütte oder ein Urlaubercamp. Das könnte, wohl beherzigt und ernst genommen, die meisten der Dramen verhindern, die immer wieder viele Opfer kosten und Überlebende in Not bringen. "Baut nicht auf Sand!"

Die Schlusssätze der Bergpredigt doch nicht so einfallslos wie im ersten Anschein. Die vermeintlich platte Wahrheit entpuppt sich als raffinierte Unterstellung. Niemand will sich nachsagen lassen, dumm zu sein. "Bau nicht auf Sand!" Das wissen alle. Das muss ich mir nicht sagen lassen. Das braucht mir, das darf mir niemand unterstellen. Und schon bin ich ertappt. Wie dumm ich mich oft anstelle. Wie wenig ich ihn oder sie verstehe, die sich so dumm anstellen. Eine Unvorsichtigkeit, etwas Übermut das geht noch an. Aber manchmal liegt alles schief. Er kommt nicht zurande. Sein Stolz verbietet ihm, einem guten Rat zu folgen. Sie kommt aus ihrer prekären Situation nicht heraus. Die selbstbewusste Frau gibt sich keine Blöße. Und junge Leute lassen sich schon gar nichts mehr sagen. Für die kleinen Unfälle und harmlosen Niederlagen des Lebens ist das keiner Rede wert.

Die tragischen Lebensgeschichten erschüttern. Da geht einer in seinem Traumjob auf und zugrunde – Herzinfarkt auf der Höhe des Erfolges. Da wird sie in all ihrer Schönheit von ihrem eigenen Körper zerfressen – Magersucht zur Modellfigur. Da fangen sie sich auf dem Höhepunkt der gemeinsamen Lust, mitten im heißesten Orgasmus, das tödliche Virus ein – AIDS weil's so schön war. Dazu die weniger spektakulären, die alltäglichen Katastrophen und Zusammenbrüche. Scheidungen, Arbeitsplatzverlust, Delogierung, Absturz. Die verdeckte Variante nicht zu vergessen. Depression und Diabetes als zunehmende Volkskrankheiten. Kinder sind bereits davon betroffen. Das Ende schon am Anfang des Lebens. Tragisch!? – Nicht wirklich. Es gibt sehr naheliegende Erklärungen. Es hat bestimmt viele gute Ratschläge gegeben und manch deutliche Warnungen und Vorzeichen. Es war nicht der erste Herzinfarkt. Die Essstörungen sind nicht plötzlich aufgetreten. "Gib AIDS keine Chance" prangt auf jedem 2. Plakat. Die Sprachlosigkeit der Ehepartner, die mangelhafte Berufsqualifizierung, die Mahnungen wegen der Mietrückstände, die Sucht, Unzufriedenheit und mangelnde Aufgaben, falsche Ernährung. Jedes Schicksal ist ein eigenes. Und doch sind sie alle die Folgen falscher Lebensführung, nicht selten die traurigen Ergebnisse der je eigenen Lebenslüge. Da macht sich einer etwas vor. Da will eine der Wahrheit nicht ins Auge blicken. Sie haben auf Sand gebaut und ihr Leben in den Sand gesetzt.

Vielleicht lohnt denn doch ein Blick in die Bergpredigt. Sie wird so gern als unrealistisch apostrophiert. Als sei sie nur für Glaubensangelegenheiten und beträfe lediglich gläubige Menschen. In der rauen Wirklichkeit des Lebens könne man damit nichts anfangen. Da sei Jesus vor. Von wegen Felsgrund oder Sand. Der Felsen braucht das Haus nicht, aber das Haus braucht den Felsen als sicheres Fundament. Gott braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn als zuverlässige Hilfe zum Leben. Ein Grund, auf dem sich leben, auf dem sich bauen lässt.

Einfache, gute Lebensregeln, die gar nicht mal so unrealistisch und schwer sind: "Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht ziehen will, um dein Gewand zu nehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. (Matth 5,40f.44) Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? (6,25) Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! (7,1) Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr? (7,3) Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. (7,7) Also: Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten. (7,12)"

So schwer ist das nicht. Und es ist vielversprechender als Gewalt, Rechthaberei, Streiterei, Vorurteil und Unversöhnlichkeit. Es ist nicht selbstverständlich, weil es nicht ohne Rückendeckung geht. Nachgiebigkeit, Verzichtsbereitschaft, Verzeihen und Verstehen wollen brauchen Sicherheit. Selbstsicherheit, die mir so oft fehlt. Das Wagnis auf andere Menschen zuzugehen, auf Menschen mit denen ich Probleme habe, kann ich nur eingehen, wenn ich einen sicheren Grund habe. Ich brauche einen festen Stand, damit ich nicht beim ersten Widerstand umkippe. Und dieser Grund, dieses Fundament ist das Vertrauen auf meinen Gott. Das ist keine Glaubensfrage: gibt es Gott oder nicht. Das ist das Vertrauen in die Worte Christi und der Überlieferung der göttlichen Weisung in dem Gottesgebot und dem Gotteswort aus Prophetenmund. Ich kann mich auf Gott verlassen und er wird mich nicht verlassen. Ich kann mich auf Gott einlassen. Ich habe sein Wort.

Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist einem klugen Menschen gleich, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, und Winde wehten und warfen sich gegen das Haus, und es stürzte nicht ein. Denn Fels war sein Fundament.

Amen                                           

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