25. Juli 2010

Johannes Langhoff


 

Wehe denen, die hoffen auf den Tag JAHWES!
Was erwartet ihr denn vom Tag JAHWES?
Er ist Finsternis und nicht Licht:
wie wenn einer vor dem Löwen flieht,
und der Bär fällt über ihn her,
und er ins Haus kommt
und sich mit der Hand an die Wand stützt,
und die Schlange beißt ihn.
Amos 5,18f

 

Liebe Gemeinde!

Ein starkes Bild. Ein aufregendes Bild. Als würde ich im Traum abstürzen, ins Bodenlose stürzen, endlos in der bangen Hoffnung, doch endlich aufzuwachen aus diesem schrecklichen Traum. Ein Alptraum. Laufen, laufen, weglaufen und ich komme kein bisschen vorwärts, klebe auf der Stelle und will nur weg. Der Bestie entkommen, vor dem Monstrum gerade noch gerettet und von der kleinen Viper tödlich erwischt. Amos gibt dem Alp die furchterregenden Bilder. Ausweglosigkeit. Du kannst nicht weglaufen. Du kannst nicht davon laufen.

Da braucht es eines Freiherrn von Münchhausen, der solcherlei aussichtslose Lage zu meistern weiß. Der Lügenbaron erzählt, er wäre einmal von den wilden Tieren Afrikas verfolgt worden. Dabei hätte er nach langer Flucht vor all den exotischen Ungeheuern letztendlich einen Löwen im Nacken gehabt zum Absprung bereit und ein Krokodil direkt vor der Nase, sein Maul schon gierig aufsperrt, den erschöpften Flüchtling zu verschlingen. Der Lebenskünstler mit der unerschöpflichen Einbildungskraft jedoch weiß sich zu retten. Gerade rechtzeitig duckt er sich, so dass der Löwe dem Krokodil in den weit aufgerissenen Rachen springt und sich die beiden Menschenfresser gegenseitig zu Tode bringen.

Amos erzählt keine Abenteuer. Amos will seinen Hörern und Lesern keinen Bären aufbinden. Amos malt den Teufel an die Wand. Das Ende ist unausweichlich. Ein Schrecken ohne Ende. Ein Ende mit Schrecken. Der unaufhaltsame Untergang qualvoll hinausgezögert von dem verzweifelten, scheinbar erfolgreichen Versuch, ihm zu entkommen. Den mageren Lichtstreif am Horizont, das trügerische Irrlicht, die Sirene, die ins unausweichliche Verderben lockt. Die erste Gefahr gebannt, der zweiten entkommen. Doch keine Rettung. Kaum wähnt sich der Flüchtling in Sicherheit, erwischt es ihn dennoch. Alles vergebens. Du kannst nicht davonlaufen.

Ich wiederhole mich. Ein starkes Bild. Ein sprechendes Bild, das den Wahn aufpeitscht und schaurig schön daherkommt. Das Spiel mit dem Grusel. Das leisten sich Leute, denen es gut geht. Wie heißt es gleich: Wenn es dem Esel zu bunt wird, geht er aufs Eis.

Amos, der Prophet der guten Zeiten, der schönen Zeiten. Amos, der Prophet der starken Worte und der drastischen Bilder. Wer das kleine biblische Buch mit der Sammlung der Amosworte unbefangen liest, muss glauben, dass es zu seinen Zeiten schrecklich zugegangen sei, ein Land in Unfrieden und in schwerer Gefahr. Dem ist nicht so. Israël, das Königtum der Nordstämme, erlebte unter der 41-jährigen Herrschaft Jerobeam II. eine friedliche und erfolgreiche Periode. Israël wird so groß und mächtig wie nie zuvor und kann sogar die Kontrolle über den syrischen Nachbarn gewinnen.

Wir kennen derlei Jahrzehnte währende Phasen, lange Regentschaften und große Friedenszeiten unter Franz Joseph in der Monarchie und zur gleichen Zeit unter Wilhelm II. im Deutschen Reich. Und wir wissen um ihr Ende. Sie münden, und das nicht ganz zufällig, im 1. Weltkrieg, der auch nach 4 Jahren nicht wirklich zu Ende war, sondern seine Fortsetzung im 2. Weltkrieg finden musste. Die langen Friedenszeiten waren so friedlich nicht. Der Erfolg, die Zugewinne, weckten neue Begehrlichkeiten und machten übermütig. Der Unfriede wuchs von innen heraus. Mit dem Reichtum wuchs die Armut. Mit der Verelendung wuchs der Unmut, der nur durch Heldenmut an der Front zu stillen sein sollte.

Jerobeams Zeit endet im Dreikönigsjahr. Auf die lange Herrschaft folgen innere Unruhen. Das große Königreich bricht in sich zusammen. Von innen zersetzt es sich selbst. Von außen bröckelt es ab und scheitert an einer größenwahnsinnigen Bündnispolitik, die glaubt, es mit den Großmächten aufnehmen zu können. Nicht, dass der Prophet Amos dies alles prophezeit hätte. Er hat nicht im Kaffeesatz gelesen und keine Horoskope erstellt oder Orakel gesprochen. Er hat dem Wort und der Weisung Gott JAHWES aktuelle Stimme gegeben. Er hat damit den Finger auf die Wunde gelegt. Er ist der Esel, der das Gras frisst, das zur allgemeinen Beruhigung über die schlimmen Sachen gewachsen ist. Er stört den satten Frieden der oberen Zehntausend. Er lässt sich nicht von Glitzer und Glamour, von Reichtum und Ansehen blenden. Er denunziert ihre Scheinmoral und ihren Machtmissbrauch:

Hört dieses Wort, ihr Kühe des Basan,
die ihr auf dem Berg von Samaria seid,
die ihr den Hilflosen Gewalt antut,
die ihr die Armen unterdrückt,
die ihr zu ihren Herren sagt:
Her damit, wir wollen saufen!
(4,1)

Sie haben es nicht verstanden, das Rechte zu tun, Spruch JAHWES, sie, die Gewalttat und Vernichtung anhäufen in ihren Palästen. (3,10)

Der Luxus der Villen und Paläste ist der Gewinn aus ihren üblen Geschäften und Machenschaften. Ausbeutung, Bestechung und Rechtsbruch haben sie reich gemacht. Angetrieben von ihren Luxusweibchen verlieren sie alle Skrupel, spielen ihr Geld aus, nutzen ihre Beziehungen und missbrauchen ihre Ämter, um im Überfluss zu schwelgen.

Reichtum an sich ist kein Verbrechen und Erfolg ist keine Schande. Das ist eine kurzschlüssige Moral, die den Neid nicht verbergen kann. Reichtum zu skandalisieren, zur Sünde hoch zu stilisieren und demgegenüber Armut zu heroisieren und tugendhaft zu veredeln, ist eine verlogene Denkweise, die sich nicht gut auf die Bibel, weder auf Christus Jesus noch die Propheten berufen kann. Das ist die Ideologie der Klassengesellschaft oder der Rassen, von der historischen Mission des Proletariats bzw. der Herrenrasse, mit der sich Diktatoren wie Lenin und Stalin oder Hitler und Mussolini gerechtfertigt haben und Revoluzzer wie Trotzki und Che Guevara ihr Mordwerk.

Amos hat einen sehr viel differenzierteren Blick und einen völlig anderen Maßstab. Sein Maßstab ist gerade nicht die Selbstverwirklichung des Menschen, wie es die Aufhetzer von rechts und links vorspiegeln, um sich die totale Macht zu verschaffen. Um auf Stimmenfang zu gehen, wecken sie die Begehrlichkeit und schüren den Neid. So kommen sogar in heutigen europäischen Demokratien noch Rechtsbrecher an die Macht und können es sich selbst richten.

Die Messlatte, die Amos anlegt, ist die Gottesgerechtigkeit. Das Heil, das Amos verspricht, ist der Frieden, die Gerechtigkeit und der Wohlstand des Gottesbundes. Denn so spricht JAHWE zum Haus Israël: Sucht mich und bleibt am Leben! (5,4) Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr am Leben bleibt! Dann wird JAHWE, der Gott der Heerscharen, bei euch sein, so wie ihr es immer gesagt habt. (5,14)

Amos trifft die Nepochanten mitten in das Herz ihrer Selbsttäuschung. Sie geben sich fromm. Sie praktizieren auffällige und üppige religiöse Feste. Da gibt's gleich wieder was zu feiern für die Schönen und die Reichen. Sie haben sich ihren Gott dafür ein bisschen zurechtgerückt wie eh die ganze Gesellschaft. Sie haben ihm Pomp und Gloria verliehen. Als große goldene Statuen aufgestellt. Gleich zwei Mal. Man gönnt sich ja sonst nichts. Doch Amos enttarnt sie und reißt die Glitzerfassade ein:

Ist der Tag JAHWES nicht Finsternis und ohne Licht, Dunkel und ohne Glanz?
Ich hasse, ich verabscheue eure Feste,
und eure Feiern kann ich nicht riechen!
Und eure Speiseopfer - sie gefallen mir nicht!
Und das Heilsopfer von eurem Mastvieh - ich sehe nicht hin!
Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder!
Und das Spiel deiner Harfen - ich höre es mir nicht an!
Möge das Recht heranrollen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt
(5,20-24)
Wehe denen, die hoffen auf den Tag JAHWES!
Was erwartet ihr denn vom Tag JAHWES?
Er ist Finsternis und nicht Licht.
(5,18)

Gott JAHWE lässt sich nicht täuschen. JAHWE lässt sich nicht kaufen. Es sei denn, ihr brächtet mir Brandopfer dar! (22a)

Amos klagt Gottes Anspruch ein. Amos klagt das Gottesrecht ein. Und das heißt unisono bei den biblischen Propheten:

Denn an Treue habe ich Gefallen und nicht an Schlachtopfern
und an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern!
(Hos.6,6)
Lernt Gutes tun, sucht das Recht,
weist den, der unterdrückt, in seine Schranken!
Verschafft der Waise Recht,
führt den Rechtsstreit für die Witwe!
(Jes.1,17)
Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will:
Ungerechte Fesseln öffnen,
die Stricke der Jochstange lösen
und Misshandelte freilassen
und dass ihr jedes Joch zerbrecht?
Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen
und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst?
Wenn du einen Nackten siehst, dann bedeck ihn,
und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot,
und rasch wird deine Heilung gedeihen,
vor dir her zieht deine Gerechtigkeit,
und deine Nachhut ist die Herrlichkeit JAHWES.
(Jes.58,6-8)

Augen zu und durch. Nur so kann man es sich gut gehen lassen. Man kann es sich in unserem Lande gut gehen lassen. Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Erde, das kleine Land unter den ersten 10. Man sieht es eh. Die Zahl der Millionäre wächst stetig und Milliardäre gibt es auch nicht mehr wenige. Die Neureichen des Ostens fühlen sich nicht von ungefähr zwischen Kitzbühel und Wien sauwohl. Aber die Schere zwischen Arm und Reich wächst mit und wird größer. Die Notstandshilfe bekommt neue Namen und amtlich eingeschränkten Rechtsanspruch, d.h. die Demütigung und Ausgrenzung nimmt zu. Der Abwehrkampf gegen die Zuwanderer gewinnt an Effizienz. Die europäischen Armeen, auch Österreichs Heer, werden unter wechselnden Flaggen zu weltweiten Ordnungseinsätzen geschickt. Bloß dass wir dafür nicht auch noch den himmlischen Ritterschlag erwarteten und uns einredeten, Gutes zu tun. Gott will andere Opfer von uns. Gottes Gerechtigkeit ist eine andere. Mit dem Gott des Geldes werden wir keine bessere Welt schaffen. Daraus wird kein Himmelreich auf Erden.

Amos, der Prophet der guten Zeiten, der schönen Zeiten. Amos, der Prophet der starken Worte und der drastischen Bilder, ist der Gottesrufer der Reichen und Schönen, der Mächtigen und Einflussreichen, der super verbandelten adabei-Gesellschaft. Da hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus. Nun ja von dem einen oder anderen Bauernopfer wie einem Elsner abgesehen. Futter für die Neider der niederen Ränge. Amos überführt die Vetternwirtschaft und brandmarkt sie. Sie tragen das Zeichen des Untergangs.

Amos macht das öffentlich und vor den Ohren des gemeinen Volkes. Sie sollen es hören, die hinter der Hand schon immer ihre Meinung gesagt haben. Sie sollen vor Zeugen hören, was sie klammheimlich, um ja nicht anzuecken, und unter sich über die großen Tiere dahergeredet und getratscht haben. Sie können sich nämlich nicht ihrer Mitverantwortung entziehen. Mitläufertum ist kein Entschuldigungsgrund. Nutznießer sind Mittäter. Wähler und Nichtwähler sind schuld an ihrer Regierung. Mitgefangen – mitgehangen. Wir tragen die Folgen mit, die uns unsere Politiker einbrocken.

Machen wir uns nichts vor, sondern machen wir mit bei der Anzeige von Unrecht, bei der Hilfe für diejenigen, die unseren Beistand brauchen.

Lernt Gutes tun, sucht das Recht,
weist den, der unterdrückt, in seine Schranken!
Verschafft der Waise Recht,
führt den Rechtsstreit für die Witwe!

Das Lied könnte noch einige weitere Strophen vertragen. Wir müssen uns nicht scheuen, unsere eigenen Verse dazu zu dichten. Der Phantasie sollen keine Grenzen gesetzt sein. Noch ist der Alptraum von der aussichtslosen Flucht vor dem Untergang nur ein Alptraum und ein Menetekel an der Wand. Christus Jesus hat uns mit Gott versöhnt. Wir dürfen unbefangen und unbelastet von Schuld und Abhängigkeiten seinem Wort und seinen Weisungen folgen, dass der Tag JAHWES zum Tag der Erlösung der Schöpfung und aller Geschöpfe werde. Wir sollten besser nicht davon laufen.

Amen                                           

zum Anfang