|
01. August 2010 Johannes Langhoff
Für den Chormeister. Ein Weisheitslied der Korachiter.
Was bist du so gebeugt, meine Seele,
Flut ruft zur Flut
Ich spreche zu Gott, meinem Fels: Liebe Gemeinde! Ein Gebet. Ein Verzweiflungsschrei. Ich weiß nicht, ob es wirklich genehm ist, das als einen Predigttext zu wählen. Es ist allgemein eher unangenehm, unfreiwillig teilhaben zu müssen an den jammernden Klagen eines Menschen, der nicht weiter weiß. Man kann keine Ratschläge geben. Hat derjenige alles schon versucht, oder kann es nicht. Hilflosigkeit ist sein Problem. Die altklugen Menschen um ihn herum sind eine Provokation, stoßen sie noch weiter in ihr Loch der Niedergeschlagenheit. Die Depression wird nicht weniger, wenn sie andere um sich hat, die es besser wissen, die es besser können. Da will eine oder einer sich lediglich den Schmerz von der Seele heulen. Ein Häufchen Elend, das peinlich berührt. Ein Mensch, der seinen Kummer in einem Gebet ausbreitet, seinen Gott anruft, sich an seinen Gott klammert. Ein sehr persönliches Gebet, weil es die Armseligkeit preisgibt und etwas über den persönlichen Glauben verrät, über die Nähe oder Ferne zu Gott. Das ist ein höchst intimes Gespräch. Und wie alle Intimität gehört sie nicht in die Öffentlichkeit, wirkt ihre Bloßstellung verletzend. Der Psalm 42 ist aber keine Jammerszene, von der man sich unangenehm berührt abwenden möchte. Er ist auch kein vertrauliches Zwiegespräch. Es ist ein Gedicht aus der Gilde der Korachiten, geschrieben zur Vertonung durch den Chormeister und damit für den allgemeinen und auch öffentlichen Gebrauch. Eine Gebetsvorlage. Als Lied zu trällern, in leiernde Tonfolgen zu kleiden, hinauszutönen und zum Mitsingen zu verführen, zum Singen in Gemeinschaft. Dieser Psalm trägt eine eigene Gattungsbezeichnung. Die neue Zürcher Übersetzung nennt es Weisheitsgedicht. Man kann auch Lehrgedicht oder Meditationstext sagen. Ein Psalm, der Beten lehren möchte. Die Korachiten bieten gleich mehrere davon an. Der 42-er geht sogar nahtlos in den nächsten, den 43.Psalm über, wo der Kehrvers "Harre auf Gott, denn ich werde ihn wieder preisen, ihn, meine Hilfe und meinen Gott." wieder auftaucht. Also in die Öffentlichkeit gehört der Psalm schon. Die Frage ist nur, ob man darüber reden soll, oder sich einfach hineinfallen lässt, ihn singt, sinniert und auf sich einwirken lässt. Ich habe mich halt für beide Seiten entschieden. Ich habe ihn auf unsere Liedtafel gesteckt, damit wir zwei Mal daraus singen. Und ich möchte ihm nachdenkend nachgehen und darüber reden. Nein. Halt! Ich bin noch immer nicht so weit. Da ist noch eine Hürde. Eine Unterstellung, die mehr als nur peinlich berührt. Erst das verführerische schöne Bild romantischer Idylle. Wie die Hindin lechzt an versiegten Bächen. Das dürstende Wild. Die Hirschkuh auf der verzweifelten Suche nach Wasser. Vielleicht irgendwo im Unterholz das Kitz, das sie nähren muss. Und nun niedergebeugt über dem ausgetrockneten Quell in aussichtsloser Lage. Da geht einem das Herz auf und quillt das Mitleid mit der armen Kreatur über. Ein anrührendes Bild. Aber was für eine Fortsetzung? Was für eine Unterstellung? So lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott. Bitte, das kann ich doch niemandem unterstellen. Das geht zu weit. Das ist allzu persönlich. Schmachtende Frömmigkeit. Da hört sich alles auf. Da setzt der Verstand aus. So etwas muss mir niemand einreden. Peinlich! Oder auch nicht. Ich könnte den Verlust an herzhafter und herzlicher Frömmigkeit gut und gerne beklagen. Es ist eine Verdrängung. Die Bilder von verzückten Leuten, die sich durch einpeitschende Reden anstacheln lassen und wie in geistiger Abwesenheit schaukelnd ihre klaren Sinne abschalten und die Kontrolle über sich zu verlieren scheinen, die sich keineswegs ihrer dummen Figur schämen und die sich anschließend in aller Unbescheidenheit für bessere Menschen halten, diese Bilder stoßen ab. Damit möchte ich nicht verwechselt werden. Uns kann man das als Reformierte ja eh nicht so leicht nachsagen. Wir stehen für nüchterne Gottesdienste ohne Schnickschnack und Schabernack. Wir sind auf das Wort und das Verstehen konzentriert. Deshalb ist die Akustik in unserer Kirche ein heikles Thema. Niemand möchte sich ein Wort, einen Ton entgehen lassen. Anderswo ist das weniger problematisch, weil dort mehr zum Schauen ist, Weihrauchdüfte vernebeln und die Routine der immer gleichen Litaneien wegdämmern lassen. Da stören sich schon wieder einige daran, dass diese Litaneien muttersprachlich vorgetragen und damit verstehbar sein könnten. Deshalb schwärmen sie vom alten Kirchenlatein, das wie magische, unverständliche Formeln klingt. Lustig die albernen Versuche in einigen evangelischen Kirchen, sich mit verschiedenen Sachen eine sogenannte Spiritualität einzureden. Der protestantische Talar, das Gelehrtengewand und nicht das geistliche Gewand der Geweihten wird mit Alben und Stolas behängt, die ihren Platz in den priesterlichen Messhandlungen haben. Salben sollen Segen verstärken, obwohl im Protestantismus dieses Sakrament abgeschafft wurde. Tränenperlen werden herumgereicht und Kerzen zur Gebetsverstärkung angezündet. Nein, da bleibe ich aus tiefer Überzeugung reformiert. Nur dass ich dabei nicht verarme, seelisch verarme, die Sprache des Gefühls, den Ausdruck meines Empfindens, das Aussprechen meiner Bedürfnisse verlerne. Denn allezeit sagen sie zu mir: Wo ist dein Gott? Daran will ich denken und mich in meiner Seele erinnern, dass ich einherging in dichtem Gedränge, mit ihnen ging zum Haus Gottes mit lautem Jubel und Dank in feiernder Menge. Haben wir die Gemeinschaft der Kirchen verlassen oder sind wir aus ihr verstoßen worden? In der Langen Nacht der Kirchen werden wir gefragt: Ist das überhaupt eine Kirche? Da fehlen die sichtbaren Elemente, die aus der Gewohnheit heraus eine Kirche charakterisieren und vielleicht ihr Wesen ausmachen. Bilder und Statuen mögen fehlen. Das erlauben sich sogar Architekten und Gestalter moderner römisch-katholischer Kirchen. Das Kreuz sollte jedoch sein. Die gängige Antwort ist, dass wir aus den Erfahrungen der Gegenreformationszeit heraus allergisch gegen das Kreuz sind. Dort haben es unsere Vorfahren als Instrument der Verfolgung und Folter erlebt, weil sie auf das Kreuz schwören und es küssen mussten, um ihrem Glauben abzusagen und in den Schoss der alleinseligmachenden Mutter Kirche zurückzukehren. Andernfalls drohten ihnen die bekannten Strafen von Verlust an Hab und Gut, Heimat, Kindern, Freiheit und auch Leben. Und damit erinnert man sich, dass ja wohl unser Herr Jesus Christus das Kreuz auch als Folter- und Hinrichtungsinstrument erleiden musste. Da darf die theologische Argumentationsführung einige Pirouetten drehen, um aus dem Galgen ein Heilszeichen zu machen. Die Zeichen, Bilder, Statuen und geweihten, geräucherten Örtlichkeiten bzw. das Fehlen derselben in unserem Kirchraum sind mithin eine Erinnerung daran, dass nicht wir die Einheit der Kirche Christi verlassen haben, sondern die Römer, die sich geweigert haben, die Kirche von ihrem abergläubischen Zuwachs der Jahrhunderte zu befreien und zu reinigen. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn wieder preisen, ihn, meine Hilfe und meinen Gott. Es braucht keinen Neid, keine Eifersucht und keinen Gram, dass andere uns nicht für eine christliche Kirche halten und von ihrer Kommunion ausschließen, uns ihre Sakramente verweigern. Wir halten uns allein an Gott, an unseren Herrn Jesus Christus, der allein das Oberhaupt unserer Kirche ist. Dafür brauche ich nicht die Bestätigung oder Berechtigung durch andere. Ich brauche keine Mittlerschaft durch eine Jungfrau oder sonst welche Heilige und noch viel weniger durch das ihren Schöpfungsauftrag verweigernde Kultpersonal. Das heißt für manche – und nicht wenige – Protestanten sogleich: ich brauche keine Kirche. Um zu beten, um zu meinem Gott zu kommen, brauche ich nicht in die Kirche zu laufen und brauche nicht zum Gottesdienst zu gehen. Mir scheint, dass manche Leute sich extra befleißigen, ihre Freiheit von kirchlichen Normen, wie sie die römische Kirche lehrt, zu beweisen, indem sie sich eifrig kirchenfern halten. Der junge Karl Barth erzählte schon aus seiner Vikariatszeit Anfang des letzten Jahrhunderts in der Schweizer Heimat, dass er es einmal gewagt hätte, einen Hausbesuch machen zu wollen. Dabei sei er schroff vom Hausvater zurechtgerückt worden. Der habe im Leben keine Feuerwehr, keine Polizei und keinen Pfarrer in seinem Haus gebraucht. Das wolle er jetzt auch nicht ändern. Die protestantische Volksfrömmigkeit pflegt die Freiheit von der Kirche und die Individualität ihres Glaubens und verdrängt die Freiheit für ihre Kirche und die Kraft der Gemeinschaft des Glaubens und der Gläubigen. Wo Luther noch meinte, der Taufe entspränge ein jeder Christenmensch als Papst, Bischof, Priester oder sonst welche Geistlichkeit, so scheinen mir heutzutage diese Ämter derart in Verruf, dass sich Evangelische nicht danach sehnen, ihr Priestertum aller Gläubigen aktiv zu nutzen. So lechzt eine reformierte Seele wohl nicht wirklich und dürstet nicht wahrhaft nach Gott. Oder eben anders, alles im verborgenen Kämmerlein, total privatisiert. Da harrt die Seele, verharrt, gebeugt oder auch nicht. Das wäre die Intimität des Glaubens, die geschützt sein will. Das ist der Raum, in dem die Predigt nichts zu suchen hat. Außer, dass die Predigt einlädt, diesen Raum auch einmal wieder zu verlassen, sich nicht zu verschließen, abzukapseln, den Bezug zum Leben zu verlieren, den Kontakt zu den Menschen zu verlieren, den Kontakt zur Gemeinschaft der Kinder Gottes. Wir machen uns und unseren Glauben, unsere Überzeugung, unser reformiertes Bekenntnis und diese unsere eben doch auch christliche Kirche lächerlich, wenn wir uns aus ihr zurückziehen. Dann ist die Frage der Lästerer, die die Psalmdichter als so schwer belastend formulieren, nur zu verständlich: denn allezeit sagen sie zu mir: Wo ist dein Gott? Wir zeigen es nicht. Leben wir sie nicht – die Gemeinschaft Christi? Die Psalmisten formulieren dagegen einen schmerzhaften Verlust. Sie leiden unter den Verspottungen. Warum muss ich trauernd umhergehen, bedrängt vom Feind? Wie Mord ist es in meinen Gebeinen, wenn meine Gegner mich verhöhnen. Das wird zur Seelenqual, macht niedergeschlagen, verleidet das Leben Tag und Nacht. Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nach. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und so unruhig in mir? Da haben wir sie wieder, die schöne Sprache, die üppigen Bilder. Die Psalmengilde der Korachiten war schon ein erfolgreiches Team, das Meisterwerke hervorgebracht hat. Welch mitreißendes Bild der Befreiung aus allem Jammer: Flut ruft zur Flut beim Tosen deiner Wasserfälle, alle deine Brandungen und Wogen gehen über mich hin. Am Tag erweist JAHWE seine Gnade, und des Nachts ist sein Lied bei mir, ein Gebet zum Gott meines Lebens. Aus dem weinerlichen Selbstmitleid herausgerissen von einem tobenden, tosenden Gott. Wieder so ein Stück Gotteserfahrung, das uns eher fremd und befremdlich ist. So viel Leidenschaftlichkeit Gottes bringen unsere Gottesvorstellungen und Bekenntnisformeln üblicherweise nicht zu tage. Der leidenschaftliche Gott, wie er im Alten Testament noch ungeniert zur Sprache kommt, wird vom neuzeitlichen Denken lieber verdrängt als böser Gott der Rache und des Zorns. Der leidenschaftslose Gott, der nicht für und um sein Liebesobjekt, seine Erwählten kämpft, der ist dann allerdings auch ein ziemlich problematischer Gott. Und der macht den Kreuzestod seines Sohnes geradezu unverständlich. Da fehlen die Sympathie und das Mitleid, die Mitfreude und der Antrieb, die Gefühlswelt und die Seele überhaupt. Da wird Gott zu einem Problem des Denkens: Gibt es ihn, sie und ein was auch immer für höheres Wesen denn nun oder nicht. Die Korachiten geben uns keine Denkformeln, sondern stimmen ein Lied an, uns einzuladen mitzusingen. Sie geben unserer Sehnsucht, die wir gemeinhin nicht auf der Zunge tragen, dem Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit, Worte und Bilder. Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, wie es Jesus mit dem Blick hinauf an den Himmel zu den regen Vögeln und dem schweifenden Blick über die Felder zu den prächtigen Blumen tut. Achtet auf die Raben: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben weder Vorratskammer noch Scheune: Gott ernährt sie. Ihr seid doch viel mehr wert als die Vögel! Achtet auf die Lilien, wie sie wachsen. Sie arbeiten nicht und spinnen nicht; doch ich sage euch: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn Gott aber das Gras, das heute auf dem Felde steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! (Lk.12,24.27f) Es ist ein Angebot, sich hineinzubegeben in die gemeinschaftliche Erfahrung, in das gemeinsame und öffentliche Beten und Singen. Nicht allein durch das Gebet im stillen Kämmerlein, sondern in der Gemeinde Christi. Am lebendigen Leib Christi, seiner Gemeinde und Kirche, die Gegenwart Gottes zu erfahren und zu gewinnen. Amen |