31. Dezember 2010

Johannes Langhoff

 

Und zu der Zeit, da JAHWE Elija im Sturmwind in den Himmel auffahren ließ, ging Elija mit Elischa aus Gilgal fort. Und Elija sprach zu Elischa: Bleibe du doch hier, denn nur mich hat JAHWE nach Bet-El gesandt. Elischa aber sprach: So wahr JAHWE lebt und so wahr du lebst, ich werde nicht von dir lassen! So gingen sie hinab nach Bet-El.

Und die Prophetenjünger, die in Bet-El waren, gingen hinaus zu Elischa und sagten zu ihm: Weißt du, dass JAHWE deinen Herrn heute hinwegnimmt, hoch über dein Haupt hinweg? Und er sagte: Das weiß auch ich. Schweigt!

Und Elija sagte zu ihm: Elischa, bleibe du doch hier, denn nur mich hat JAHWE nach Jericho gesandt. Er aber sprach: So wahr JAHWE lebt und so wahr du lebst, ich werde nicht von dir lassen! So kamen sie nach Jericho.

Und die Prophetenjünger, die in Jericho waren, traten zu Elischa und sagten zu ihm: Weißt du, dass JAHWE deinen Herrn heute hinwegnimmt, hoch über dein Haupt hinweg? Und er sagte: Das weiß auch ich. Schweigt!

Und Elija sagte zu ihm: Bleibe du doch hier, denn nur mich hat JAHWE zum Jordan gesandt. Er aber sprach: So wahr JAHWE lebt und so wahr du lebst, ich werde nicht von dir lassen! So gingen sie beide.

Auch fünfzig von den Prophetenjüngern waren mitgegangen, blieben aber in einiger Entfernung abseits stehen, die beiden aber traten an den Jordan. Da nahm Elija seinen Mantel, rollte ihn zusammen und schlug damit das Wasser; und es teilte sich nach beiden Seiten, und auf dem Trockenen gingen die beiden hindurch.

Und als sie hindurchgegangen waren, sagte Elija zu Elischa: Erbitte, was ich für dich tun soll, bevor ich von dir hinweggenommen werde. Da sagte Elischa: Möge mir doch von deinem Geist ein doppelter Anteil zufallen. Und er sagte: Schweres hast du erbeten! Wenn du siehst, wie ich von dir hinweggenommen werde, möge es dir so zuteilwerden; aber wenn nicht, so wird es nicht sein.

Und während sie weitergingen, im Gespräch, sieh, plötzlich waren da ein Wagen aus Feuer und Pferde aus Feuer, und die beiden wurden getrennt. Und im Sturmwind fuhr Elija in den Himmel auf, während Elischa zusah und schrie: Mein Vater, mein Vater! Der Wagen Israëls und seine Reiter! Dann sah er ihn nicht mehr. Da fasste er seine Kleider und zerriss sie in zwei Teile. Dann hob er den Mantel auf, der von Elija gefallen war, kehrte um und trat an das Ufer des Jordan. Und er nahm den Mantel, der von Elija gefallen war, schlug damit das Wasser und sprach: Wo ist JAHWE, der Gott Elijas? Auch er schlug das Wasser, und es teilte sich nach beiden Seiten, und Elischa ging hindurch.

Und die Prophetenjünger, die gegenüber in Jericho waren, sahen ihn und sprachen: Der Geist des Elija ruht auf Elischa! Und sie kamen ihm entgegen und warfen sich vor ihm zur Erde nieder und sagten zu ihm: Sieh doch, es gibt unter deinen Dienern fünfzig tüchtige Männer; sie mögen gehen, um deinen Herrn zu suchen. Dass nur nicht der Geist JAHWES ihn fortgetragen und auf einen der Berge oder in eines der Täler verschlagen hat! Er aber sagte: Sendet sie nicht!

Sie aber bedrängten ihn in beschämender Weise, und so sagte er: Sendet sie! Da sandten sie fünfzig Mann aus, und diese suchten ihn drei Tage lang, fanden ihn aber nicht. Da kehrten sie zu ihm zurück, als er noch in Jericho weilte, und er sagte zu ihnen: Habe ich euch nicht gesagt: Geht nicht!

2.Könige 2,1-18

Liebe Gemeinde!

Das ist schon eine kuriose Geschichte, um nicht gleich zu sagen: Das ist eine tragisch-komische Geschichte. Dabei geht es um nichts weiter, als voneinander Abschied zu nehmen. Der Lehrer verlässt den Schüler und übergibt ihm sein Amt. Elia, der große alte Prophet Israëls geht in den Ruhestand und bürdet seinem Schüler Elisa den Auftrag auf. Nichts Besonderes, wären die Beteiligten nicht ganz besondere Menschen. Also bekommt die Episode märchenhafte Züge. Drei Mal spult sich der Abschied auf jeweils zwei Ebenen ab. Elia will wohin gehen. Elisa will ihn nicht allein gehen lassen. Auf dem Weg schließen sich ein paar Prophetenschüler, ihrer 50 an (7x7+1, eine hochheilige Zahl). Sie tuscheln dem Elisa blumig, geheimnisvoll ins Ohr, dass es für Elia ans Sterben geht. Und Elisa weiß es, will es nicht wahr haben, jedenfalls nicht laut und öffentlich. Er begleitet Elia, um das zu verhindern – oder?

Ich werde die Geschichte nicht noch einmal und in epischer Breite wiederholen, wo sie sich doch schon in schmuckvollen Wendungen hin und herzieht. Die nette Geschichte bekommt einen phantastischen, märchenhaften Schluss. Das Sahnehäubchen oben drauf. Elia stirbt nicht, er entschwindet auf stürmisch, spektakuläre Weise. Die blumige Umschreibung der Prophetenschüler für Elias Sterben, die sie Elisa wiederholt aufschwatzen und einreden mussten, wird szenische Realität. Damit wird das Sterben des Elia zum Mythos. Er geistert seither durch die Phantasien der Geheimkundler und wird zu einer Schlüsselfigur in der apokalyptischen Literatur. Die frommen jüdischen Eiferer und Märtyrer warten in selbstbemitleidender Demut auf den Messias und deshalb auf den Propheten, der die nahe bevorstehende Ankunft des Messias anzeigen wird. Elia wird zu diesem messianischen Propheten. Unter solcher Erwartung taucht der zurückkehrende, weil nie verstorbene Elia Jahrhunderte später im Matthäusevangelium wieder auf. Denn, so die Auskunft der Jünger auf die einschlägige Frage Jesu, glauben einige Leute in Jesus aus Nazareth den lebendigen Elia zu erkennen. (Matth.16,14)

Die Geschichte ist eine Tragikomödie. Lustig einerseits wie die Beteiligten um den heißen Brei herumtanzen und andererseits traurig, weil und wie sie die Qual des Abschieds ausdehnen. Einen Menschen nicht gehen lassen können. Den Lebenssatten und Lebensmüden festhalten mit allen Mittel, auch den letzten Mitteln der Medizin und eines strengen Strafgesetzes, dass jegliche Sterbehilfe, sogar Hilfe zum Selbstmord verbietet und ahndet. Eine tragische Geschichte im Sinne des antiken Vorbilds der Tragödie. Ein zwangsläufiger Konflikt, bei dem jeder Versuch das Unabwendbare verhindern zu wollen, noch zwingender in den Untergang führt und noch mehr mit hineinziehen wird. Am Ende werden sogar die 50 Prophetenschüler, die zunächst die Rolle des Orakels einnehmen mussten, zu Zweiflern und verzweifelt Suchenden.

Ich lese die Geschichte in ihrer heiteren und befreienden, statt tragisch-zwanghaften Version. Da geht es zu wie zu Silvester. Der Abschied vom alten Jahr wird ausgelassen und fröhlich gefeiert. Zweifler und Nörgler müssen extra viele Hilfsmittel konsumieren, um die korrekte Stimmung aufzunehmen und zu übertragen. Ernsthafte Gedanken und tiefschürfende Gespräche verbieten sich von selbst und werden lautstark übertönt von jeglicher Art Stimmungsmusik, komödiantischem Klamauk, kreischendem Nonsens, Strömen berauschender Getränke und einer Vielfalt aufreizender, Gaumen kitzelnder Speisen. Der Anflug von Bedeutung wird in verspielter Weise zugeschüttet mit abergläubischen Anhängseln, Sprüchen und Schweinderln. Zu guter Letzt muss es krachen und knallen, dass alle Sinne betäubt werden. Silvester als Fest der kollektiven, allgemein üblichen, erlaubten und erwünschten Verdrängung. Die Botschaft des lustigen, lächerlichen Abschieds: Im nächsten Jahr wird alles ganz anders.

Sobald Elisa den Abschied des Elia akzeptiert hat und bereit ist, sein Erbe anzutreten und den Auftrag zu übernehmen, muss er gleich kräftig draufsatteln. Jetzt wird alles ganz anders. Er will die doppelte Portion an Macht.

Das ist ja lächerlich. Halt so lächerlich wie die hehren Vorsätze zum Jahreswechsel. Abnehmen, diese oder jene Unart abstellen oder wenigstens einschränken, Zeit nehmen, mehr auf die Menschen um mich herum und auf die Gesundheit achten. Halt öfter die Zähne putzen. Lächerlich. Wenn ich schon solch einen irren Tag dazu brauche, um das eine oder andere an mir zu verändern, dann muss ich mich über den Kater am nächsten Tag nicht wundern.

Weniger lächerlich, aber umso lästiger die Versprechungen der Politiker. Da kam der Friedefürst, den Nobelpreis zur Markierung gleich umgehängt, und versprach den Abzug der Truppen. Zur Verstärkung seiner Absicht hat er denn gleich erst einmal die Truppen verstärkt. Da veranstalten sie schon wieder eine Klimakonferenz und nehmen das todernst. Sie reisen alle an. Und wer sein Flugzeug verpasst, macht daraus eine riesen Hetz. Sonst hätte vielleicht keiner bemerkt, dass Österreich auch mitspielt bei dem Monopoly um die Treibhausgase. Da wollen sie im nächsten Jahr die nächste Klimakonferenz machen. Vielleicht fällt ihnen bei der Dringlichkeit des Themas - es wird eh so kalt in der Welt, im Winter und in den Herzen, dass man die Mär von der Welterwärmung nicht so richtig rüber kriegt – vielleicht sollte man die superteuren und energiefressenden, kerosinversprühenden Konferenzen bald halbjährlich oder gleich quartalsweis ansetzen. Kommt jede Konferenzstadt bald einmal dran und nascht am Energiesparkuchen mit. Ein einziger Rummel mit viel Showeffekt. Man kann das durchaus gelassen sehen. Sie tun ja nichts Ernsthaftes. Sogar die Anbetung des Geldes haben sie aufgegeben. Das Geld ist längst zum beliebtesten Spielzeug geworden. Nachdem die alten Spielregeln aufgehoben worden sind und die Regierungen und internationalen Gremien den Globalplayern erlaubt haben, die Regeln nach Belieben zu handhaben und zu ändern, ist es das Spiel ohne Grenzen.

Gott muss einen riesigen Humor haben, diesem albernen Treiben einfach nur zuzuschauen. Oder habe ich den Humor Gottes noch nicht richtig verstanden?

Die tragikomische Geschichte von Elias Entrückung übersteigt die Dimension des eitlen Politikgeschäftes und der hysterischen Silvesterfröhlichkeit. Es ist eine Geschichte von Gottes Humor. Einen Jux macht sich JAHWE und lässt Elisa deppert herumstehen und Elia spurlos verschwinden. Elia und Elisa drücken sich um die unausweichliche Wahrheit und wandern und wandern, als würden sie vor sich selbst und voreinander weglaufen. Da zieht Gott JAHWE Elia einfach aus dem Verkehr. Unüblich und ungewöhnlich. Ohne Leichnam und Bestattung. Kein Grabmal und keine Pilgerstätte. Der berühmteste Mann bis dato ab sofort ein Nichts und Niemand. Er wird fortan zum Witz der Geschichte. Wenn der wieder auftaucht, wird alles ganz anders, so sagt man sich hinter vorgehaltener Hand. Als würde sich Gott JAHWE amüsieren über den Todernst, mit dem die beiden das Leben und ihren Auftrag, ihren Lebenssinn anpacken und werkeln.

Ja, wer sagt, ob Gott sich nicht auch ein bisschen über uns amüsiert? Wir strampeln uns ab, versuchen unser Ding hinzukriegen und politisieren fleißig mit. Wir machen uns so unsere Gedanken. Denn ab und zu sind wir der Souverän, das Volk und treffen Zukunftsentscheidungen, geben den Regierungsauftrag, wenn auch demnächst alle 5 Jahre nur ein einziges Mal auf vielen bunten Zetteln. Da sollte man Bescheid wissen und eine Meinung haben. Und wo das halt nicht geht, weil der Wahlkampf eine absurde Show der Verschleierung und der Bauernfängerei ist, dann wählt man halt „anti“ und mischt die Parteieliten neu auf. Spielen wir Gott und er schaut uns dabei zu.

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes. Roland Schimmelpfennig hat sein neues Stück im Akademietheater inszeniert. Zwei Arztehepaare treffen sich 6 Jahre nach der gemeinsamen Studienzeit wieder. Das eine Paar war so lange in Afrika caritativ tätig. Das andere Paar hat seine Karriere hierzulande betrieben. Das Wiederaufeinandertreffen entwickelt sich zur Katastrophe. Die jeweiligen Lebenslügen beider Paare bzw. aller 4 Personen brechen durch und auf. Sie wollten je auf ihre Weise Gutes tun und haben sich nur selbst befriedigt, ihre höchst eigenen Bilder einer Weltverbesserung bedient. Die Desillusionierung der Afrikaheimkehrer entreißt den Daheimgebliebenen ihr armes schwarzes Patenkind, beraubt sie ihrer guten Tat, ihrer Selbstrechtfertigung und Selbstgerechtigkeit. Sie wollten doch nur Gutes tun. Soll das schlecht gewesen sein?

Es ist wirklich so, wie es immer heißt, du schneidest dich irgendwo, und die Wunde wächst und wächst nicht richtig zu, es ist wirklich zum Verzweifeln-. Das lässt Schimmelpfennig immer wieder daherbeten. Wir haben es nicht im Griff. Wir haben uns nicht im Griff. Wir schaffen es nicht, eine Sache zu beenden, etwas endgültig hinter uns zu lassen. Wir schaffen keinen wirklichen Neubeginn. Das ist nicht nur zwischen Silvester und Neujahr so.

Dabei könnte gerade die profane Botschaft des Silvestertages die evangelische Botschaft überhaupt verständlich machen. Der 31.Dezember, der Ultimo des Jahres ist klassischer juristischer und buchhalterischer Stichtag für alte Rechnungen. Je nach Papier bin ich meine Schulden nach 2, 7 oder 10 Jahren los, verlieren sie ihren Anspruch, wenn der oder die Gläubiger nicht rechtzeitig gemahnt oder geklagt haben. Silvester ist gewissermaßen ein Gnadentag nach Kalender. An einem bestimmten Tag ist Schluss. Danach lässt sich die Geschichte nicht mehr aufrollen.

Das ist die Evangeliumsbotschaft. Nach dem Tag von Golgatha ist Schluss mit unserer Schuld und unseren Schulden. Wir müssen nicht nachzahlen und nachbessern. Wir müssen nicht erst Gutmenschen werden, um gute Menschen zu sein. Gott hat uns in Christus mit sich und der Welt versöhnt. Die Welt steht uns offen. Wir haben alle Möglichkeiten. Wir müssen uns unseren Ruf nicht erst verdienen. Wir haben bereits einen guten Namen vor Gott.

Gott lacht über die albernen Versuche der Selbstrechtfertigung. Der Prophet Hosea gibt Gottes Wort Stimme: Erst aus der Hand des Totenreichs löse ich sie aus, erst vom Tod erlöse ich sie. Wo sind deine Seuchen, Tod? Wo ist dein Stachel, Totenreich? Meine Augen werden kein Mitleid kennen! (13,14)

Und Paulus zitiert mit Hosea das befreiende Lachen Gottes: Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Das Lachen Gottes, das uns befreit. Denn: Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!

Die Konsequenz ist für Paulus ebenso erfreulich: Darum, meine geliebten Brüder und Schwestern, seid standhaft, lasst euch nicht erschüttern, tut jederzeit das Werk des Herrn in reichem Masse! Ihr wisst ja: Im Herrn ist eure Arbeit nicht umsonst. (1.Kor.15,55-58) Wenn das kein gescheiter Aufbruch ins neue Jahr oder einfach in jeden neuen Tag ist.

Amen                                           

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