27. Juni 2010

Johannes Langhoff / Monika Zetik


 

Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf, und eine Frau mit Namen Martha nahm ihn auf. Und diese hatte eine Schwester mit Namen Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte seinen Worten zu. Martha aber war ganz mit der Bewirtung beschäftigt.

Sie kam nun zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Bewirtung mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie solle mir zur Hand gehen.

Der Herr aber antwortete ihr: Martha, Martha, du sorgst und mühst dich um vieles; doch eines ist nötig: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr nicht genommen werden. Lk.10,38-42

 

Liebe Gemeinde!

Johannes Langhoff
Maria. Die Musterfrau. Ganz nach dem Geschmack der Herren. Da haben sie sich was Feines, Liebes zusammengezimmert. Der Meister und sein Schüler. Lukas schreibt in schöner rabbinischer Manier die Anekdote zu dem Lehrsatz seines Lehrers Paulus.

Die beiden waren das Paar unter den reisenden Missionarsteams der sich ausbreitenden christlichen Gemeinschaft. Sie übten den nachhaltigsten Einfluss auf die entstehende frühe christliche Kirche aus. Paulus mit seinen die Leute überrumpelnden Auftritten und noch mehr durch seine epistolischen Schreiben, die er verbreiten ließ. Seine Schüler und Begleiter, die diese Briefkultur und Lehrverbreitung pflegten und weiterführten, der Einfachheit halber gleich unter seinem Namen, verstärken die Wirkung. Lukas unter ihnen übernimmt die Rolle des Reisereporters, der Geschichten und Geschichte schreibt. Zur Verdeutlichung der Zeitenwende stellt er dem Buch des Anfangs noch das Evangelium voran, seine Sammlung der Geschichten über den Christus, dessen lebendige Gegenwart Paulus mit den Seinen und den anderen Aposteln in alle Welt pflanzt. Das Tandem Paulus und Lukas prägen das Christentum schlechthin.

Hier ein beredtes und effektvolles Beispiel der gegenseitigen Ergänzung und Zuarbeit, der Lehre und ihrer pädagogischen Gebrauchsfassung. Paulus gibt seine Meinung preis: In den Gemeindeversammlungen sollen die Frauen schweigen. Denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sie sollen sich vielmehr unterordnen, wie auch das Gesetz es sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre Männer fragen. Denn für eine Frau ist es eine Schande, in der Gemeindeversammlung zu reden. (1.Kor 14,34f) Und noch einmal zum Mitschreiben für diejenigen, die so etwas heutzutage nicht mehr wahr haben wollen: Die Frau soll durch stilles Zuhören lernen, in aller Unterordnung. Zu lehren gestatte ich einer Frau nicht, ebenso wenig über einen Mann zu bestimmen. Sie soll sich still verhalten. (1.Tim 2,11f) Also hat der Apostel gesprochen und ist dank der römischen Okkupation des Apostelsitzes strenges Gebot und konstitutionelle Bedingung des geistlichen und geweihten Amtes der apostolischen Sukzession.

Wer das so brachial nicht verträgt und die römischen Ansprüche nicht akzeptiert, der darf sich mit der Fassung light von Lukas in Erzählform begnügen: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr nicht genommen werden. Das hat schon wieder einen Touch evangelischer Überzeugung. Christus allein! Der Glaube allein! Nicht die Werke! Maria hört einzig auf Christus und lässt sich durch nichts ablenken, nicht einmal durch die Verpflichtungen der heiligen Gastfreundschaft. Martha habe die Gelegenheit verpasst und doch tatsächlich geglaubt, etwas für den Meister tun zu können. Da ist sie beinahe schon wieder ein Beispiel für die römische Männergesellschaft, die auch glaubt, etwas durch ihr Amt für den HEERN tun zu können, ja an seiner Stelle und in seiner Stellvertretung handeln und entscheiden zu müssen. Sag ihr doch, sie solle mir zur Hand gehen.

Die Geschichte mit Maria und Martha ist programmatisch. Sie fällt aus all den Erzählungen über die Gastbesuche des Wanderpredigers Jesus heraus. Dort lässt er sich bewirten und erwirbt sich den Ruf des Fressers und Weinsäufers. (Matth 11,19; Lk.7,34) Damit begibt er sich in zweifelhafte Gesellschaft, reizt die frommen Gemüter (Matth.9,11; Lk.5,30; 15,2) und belehrt sie: Man wird sich im Himmel mehr freuen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keiner Umkehr bedürfen. (Lk.15,7) Er befreit den Gastgeber aus seiner gesellschaftlichen Isolation, gibt ihm Gelegenheit zum Neuanfang und verführt ihn zur Großzügigkeit. (Lk.19,1-10) Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lk.19,10) Doch was sucht er bei Maria und Martha, bzw. bei den drei Geschwistern? Die Familie, seine Mutter und Geschwister, hat er von sich gewiesen und eingetauscht gegen die große Anhängerschar. (Mk.3,34) Bei Lazarus und seinen Schwestern bleibt ein Rest Privatsphäre? Schwerlich, wenn der liebe Freund Lazarus als stinkendes Paradebeispiel für Jesu Macht über den Tod herhalten muss. Und nicht sehr freundlich, wenn er seinen Besuch bei den Schwestern nutzt, um sich von der einen als Lehrmeister anhimmeln und von der anderen bedienen zu lassen.

Der Evangelist schreibt das Lehrbeispiel für die wahre Familie des HERRN. Gehen wir den Rollenbildern nach. Maria und Martha.

Monika Zetik
Rollenbilder stellt uns Lukas hier also vor. Martha das Hausmütterchen auf der einen Seite. Die gscheite, wissbegierige Maria auf der anderen Seite. Man denkt sofort an die wunderbaren biblischen Schilderungen der letzten Tage – die Guten auf die eine Seite, die schlechten auf die andere Seite. Die guten ins Töpfchen die schlechten ins Kröpfchen. Prädestiniert zum Guten, Prädestiniert zum Schlechten. Schwarz – Weiß.

Maria die das Gute gewählt hat, Martha, das herrische Hausmütterchen, das die arme Maria nicht zu Füssen des Herrn sitzen lassen kann und will. Marta heißt noch dazu übersetzt die Herrin – passt also auch der Name perfekt ins Bild.

Und wer nimmt diese Einteilung vor – der Herr persönlich – Jesus bewertet wer den guten Teil hat. Martha hat ihn nicht.

Martha – der Prototyp des Workaholics. Vor lauter arbeiten und bewirten nimmt sie sich keine Zeit für den hohen Gast. Sogar – wie wir im ersten Teil der Predigt hören konnten - ist unsere Martha der Prototyp einer Frömmigkeit, die wir tunlichst aus unserem Evangelisch-Sein raushalten wollen. Und – um dem ganzen noch eines draufzusetzen - ist es Jesus persönlich, der das kritisiert – liebevoll wie uns zahlreiche Theologinnen glaub­haft machen wollen, die in der doppelten Anrede "Martha, Martha" ein Augenzwinkern und eben ein liebevolles Ermahnen Jesu lesen. Aber das macht es auch nicht besser. Jesus bewertet – und das zugunsten von Maria.

Das hat jahrhundertelang Predigten und Auslegungen dieser Bibelstelle inspiriert. Zitiert sei an dieser Stelle ein ganz prominenter Prediger: Martin Luther, der in Martha die perfekte Verkörperung der so gefürchteten Werk­gerechtigkeit sah. Luther schreibt: „Martha, dein Werk muss gestraft und für nichts geachtet sein; … denn ich will kein Werk als das Werk Mariens haben.“

Man kann jetzt sagen, dass Jesus ja nicht die Arbeit der Martha bewertet, sondern die Sorgen die sie sich macht. Also Bewirtung ok, aber bitte nicht um alles sorgen. Das scheint ja überhaupt ein Lieblingsthema von Jesus zu sein, das nicht sorgen:

Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Körper, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Körper mehr als die Kleidung? (Mtth.6,25) Und das wird dann noch mit Vögeln und Lilien bildhaft ausgeführt. Das konnte er gut, den Leuten sagen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen. Frei nach Wolfgang Ambros kann man Jesus schon fast trällern hören: is scho gut, Mama, mach da kane Sorgn MARTHA, es is no heut und no ned morgn, MARTHA.

Und das soll helfen? Der gestressten Martha? Die richtig hin und hergerissen ist? Die von ihren Tätigkeiten nahezu absorbiert wird? Und die in diesem Moment noch die Kraft aufbringt, das nicht einfach auf sich sitzen zu lassen sondern den lehrenden Meister rüde unterbricht: Sag ihr doch, sie solle mir zur Hand gehen.

Die Reaktion darauf: Beschwichtigung. Beschwichtigung für die, die in unserer Szene verantwortlich handelt, die einen klaren Blick hat. Die erkennt, dass der herumziehende müde Wanderprediger jemanden braucht, der sich gut um ihn kümmert. Die klar ist in dem, was sie tut. Die klar sagt, wenn es ihr zuviel wird.

Martha wird auch im Johannesevangelium als sehr klar geschildert. Sie geht zu Jesus, als ihr Bruder Lazarus stirbt. Sie fordert ihn auf, etwas zu tun. Sie lässt sich auch hier nicht beirren. Und als einen der Höhepunkte der Lazarusgeschichte ist sie auch in ihrem Glauben erfrischend klar: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus (der Gesalbte) bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. (Joh.11,27)

Das alles lässt ein anderes Bild von Martha auftauchen. Kein kleines Hausmütterchen, sondern eine sorgsame Hausmutter. Vielleicht sogar die Vorsteherin einer Hausgemeinde in der damaligen Zeit. Eine der ersten, die Jesus zu Lebzeiten als Messias erkennt und anspricht. Eine starke Frau, die sich auch mal Sorgen macht, weil sie die Welt sieht wie sie ist und davor nicht zurückschreckt. Die nicht aufgibt. Die sich nicht unterkriegen lässt. Die den Mund aufmacht, wenn ihr etwas nicht passt. Die klar ist in ihrem Handeln und klar ist in ihrem Glauben. Bei der Tun und Reden zusammenpassen und die nicht nur das Wort Gottes gehört hat, sondern sich auch getraut hat zu handeln. Martha kann man auch mit „sie war rebellisch, widerspenstig“ übersetzen. Gerade aus dem Grund ist es schade, dass Lukas die Stelle mit dem Jesuswort enden lässt – mich hätte schon sehr interessiert, was Martha Jesus geantwortet hat.

Johannes Langhoff
Martha hat sich zu weit vorgewagt. Vorwitzig, vorlaut, redet den Männern drein. Johannes lässt in seinem Evangelium etwas erahnen von der starken Martha, die die Herren der Kirche verstört und gestört hat, die sie zum Schweigen bringen mussten. Sie gibt das sogenannte Messiasbekenntnis ab
(Joh.11,27) "Ja, Herr, jetzt glaube ich, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt." Matthäus legt das Christusbekenntnis dem Petrus in den Mund (Matth.16,16). Nur bei Matthäus wird das zur Gründungslegende der Kirche und der Rolle des Apostel Petrus als Grundstein dieser christlichen Kirche. (Matth.16,18) Recht verstanden müsste man aus der johanneischen Version des Messiasbekenntnisses schließen, dass das Papsttum sich auf Martha berufen könnte und sie die erste und dann sicher nicht die letzte Päpstin wäre. – Nein hier endet das Gedankenspiel. Jetzt verstehen wohl alle, mit welchem Recht Martha zum Schweigen gebracht wurde und warum Maria das bessere Teil hat.

Ich verstehe es noch nicht. Ich verstehe nicht, wie einseitig man sich die Bibelverse zurechtlegen kann. Ich sehe nur, dass es wirklich schwer ist, hinter die offensichtlichen Rollenklischees zu steigen. Denn was wird aus Maria gemacht? Was wird an ihr gelobt und in welche Rolle wird sie gedrängt?

Maria, Maria, Maria. M & M's. Es gibt reichlich davon. Sie heißen alle gleich. Und sie gerieren alle zu verschiedenen Seiten des einen Bildes der idealen Frau. Kinder, Küche, Kirche. Mutter, Heilige und Hure. Die Marias, von denen man bei den Evangelisten manchmal nicht recht weiß, welche es sein sollen. Die eine unter den mit Jesus sehr persönlich befreundeten Geschwistern, die denn aber auch gleichzeitig die gewesen sein soll, die bei einem Gastmahl demonstrativ teuerstes Öl über Jesus ausgießt und ihn damit einreibt (Joh.11,2;12,3). Also jene Maria, die bei dem anderen Evangelisten eine Hure ist (Lk.7,36-38). Sie doch eine besondere Freundin Jesu? Oder war es die Maria mit dem Beinnamen Magdalena, der man erst die Geister austreiben, sprich, die man ruhig stellen musste, bevor sie dazugehören durfte? (Lk.8,2) Die Mutter Jesu nicht zu vergessen, die haargenau den Auftritt hat, der die Schwester der Martha beschreibt. Sie sagt nichts. Sie hört andächtig zu. Sie bewegt andauernd in ihrem Herzen. Sie vergießt Tränen. Das war's.

Es wird Zeit, den Beitrag der Maria neu zu bewerten. Die Evangelische Frauenarbeit in Österreich hat sich der Maria angenommen. Aber wie? Ich bin entsetzt. Obwohl es mich nicht überraschen sollte. Muss ich doch sehen, dass die evangelische Frauenarbeit sich freiwillig und entgegen der Kirchenverfassung das patriarchale hierarchische System der Diözesen selbst überstülpt. Dann wundert mich nicht mehr, dass man sich die Themen gleich mit von der Erzdiözese holt. "Maria lactans", die stillende Gottesmutter, ist voll im Trend. Wissen Sie wirklich, was sie tun? Ich lese eine Einladung zum burgenländischen Frauentag der Evangelischen Frauenarbeit zum Thema Maria lactans und lese Programmpunkte, die sich mit der Empfehlung von Stillkursen oder Stillberatung in den Gemeinden beschäf­tigen sollen. Was für ein Frauenbild? Genauso wie es sich die römische, die Papstkirche zurechtgebastelt hat. Maria die einzig Gebende, die sich selbst Aufgebende, die ihr Geschlecht Abgebende.

Das ist ein schreckliches Bild, das mich an unsere Milchkuhhaltung erinnert. Die Färse bekommt nie einen Bullen in ihre Nähe. Darum kümmern sich die Götter und Göttinnen in Weiß, die Veterinäre. Nach dem Abkalben ist dann Schluss mit lustig und für den Rest ihrer Tage wird sie nur noch gemolken, zwei Mal täglich. Maria lactans. Ora pro nobis! Das ist nun auch ein den evangelischen Frauen empfehlenswertes Vorbild.

Da mache ich nicht mit. Den besseren Teil hat jene Maria zu Füssen Jesu nicht, weil sie schweigt und sich ergibt, sondern weil sie ungeniert teilnimmt. Maria sitzt bei Jesus, wo gewöhnlich die Herren sitzen und mit dem Gast schwatzen bzw. hochtrabende Gespräche führen. Maria übernimmt die "Männerrolle". Sie lernt von Jesus, um als seine Schülerin, als seine Anhängerin und Nachfolgerin mitarbeiten und weiterarbeiten zu können. Sie nutzt die Gunst der Stunde, und Lukas lobt das ausdrücklich, und lernt von Jesus, eine Apostelin zu werden. Martha ist diesmal gerade mit der Aufwartung beschäftigt und verpasst den besonderen Augenblick. Aber das ist vielleicht auch nur ein erzählerischer Trick des Lukas, um die Lernhaltung als das Wichtigere herauszustreichen. Denn andernorts ist es gerade Martha, die sich als gelehrige und wissende Schülerin und Bekennerin entpuppt. Die Frauen als Apostel, Propheten, Predigerinnen, Diakoninnen, Leiterinnen und Verwalterinnen wie sie die Kirche am Anfang hatte und sie immer wieder braucht.

Monika Zetik
Das Wort Bewirtung in Zusammenhang mit Martha ist mir jetzt einmal zu oft gefallen. Es ist natürlich naheliegend zu sagen, dass Martha für Jesus gekocht hat – schließlich kommt er von einer Reise und ist hungrig. Aber das greift an dieser Stelle einfach zu kurz. In unserer Bibelstelle ist auch kein einziges Mal von Kochen die Rede. An der Stelle, die unsere deutsche Übersetzung mit Bewirtung wiedergibt (Martha war ganz mit Bewirtung beschäftigt) steht im Griechischen diakonein. Martha war also ganz mit diakonein beschäftigt. Diakonein – davon kommt das Wort Diakonie.

Diakonie meint den Dienst am Menschen. Das meint mehr, als jemanden zu essen und zu trinken zu geben. Das heißt jemanden in seiner ganzen Person wahrnehmen, seine Bedürfnisse kennen und achten und dafür sorgen, dass er bekommt, was er braucht. Ohne sich ganz selbst zu vergessen – das zeigt uns Martha ja auch. Aber trotzdem – sie hat feine Sensoren, sie nimmt die Welt um sich und die Bedürfnisse anderer eindeutig wahr. Jesus, der Wanderprediger, wird von ihr aufgenommen und er hat nicht nur Essen und Trinken bekommen, sondern er wurde umfassend aufgenommen.

Wäre das nicht schön, wenn wir dazu heute wieder zurückfinden könnten? Wenn wir Menschen umfassend aufnehmen? Sehe ich mir die aktuelle Asyldebatte an, möchte ich jetzt aber nicht ins Träumen geraten, wäre aber mal ein schöner Denkanstoß. Wäre – oder ist es eigentlich.

Ich will doch noch ein bisschen mit dem Markusevangelium weiterdenken. Da sagt Jesus: … wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich bedienen lasse, sondern dass er dient. (Mk.10,43f) Jesus sieht sich selbst als den, der dient. Und auch für alle, die mit ihm sind, soll der Dienst an den Menschen oberstes Gebot sein.

Dann ist das „Mach dir keine Sorgen Martha!“ vielleicht also keine Beschwichtigung, sondern ein kurzes Gespräch zwischen zweien, die es wissen müssen. Die beide Dienen als ihr oberstes Prinzip sehen. Die für andere Menschen da sind. Und die auch beide gelernt haben, dass es dazwischen wieder Phasen des Durchatmens, des Kraft Holens braucht. Zuhören, lernen, diskutieren, rückbesinnen auf das Warum? Warum tu ich das? Und wie handle ich so, dass ich nicht völlig ausbrenne. Hier kann dann auch das Nicht-Sorgen-Machen anders bewertet werden. Jesus will Martha nicht beschwichtigen. Er will sie nur daran erinnern, dass sie nicht alles alleine bewältigen muss.

Eine andere mögliche Übersetzung für Diakonie heißt: eine Botschaft von einem Ort zum anderen bringen. Hier ist gutes Zuhören und Handeln gefragt. Die Botschaft muss ja überbracht werden. Diese Übersetzungsmöglichkeit ist für unsere Martha-Maria-Geschichte fruchtbar zu machen – repräsentieren die beiden genau diese beiden Seiten der Bedeutung von Diakonie. Maria hört zu – Martha handelt. Jesus lehrt – Jesus geht zu den Menschen. Maria lernt – Martha dient. Damit das eine möglich ist, braucht es das andere. Nachdenken, lernen, Atem holen – wieder hinausgehen, Menschen begegnen und handeln. Diese beiden Elemente sind in der Maria und Martha-Erzählung sehr gleichwertig geschildert. Maria ist eine Jüngerin Jesu, weil sie sich zu ihrem Lehrer setzt und mit ihm nachdenkt und diskutiert. Martha ist eine Jüngerin Jesu, weil sie seine Botschaft verstanden hat und danach handelt. Dass das so eng zusammengehört, sehen wir vielleicht auch daran, dass Maria und Martha Schwestern sind.

Also können wir vielleicht daraus schließen, dass es beides braucht, um auch heute als Jüngerinnen und Jünger Jesu zu leben. In unserer diakonischen Arbeit, der dieser Sonntag gewidmet ist, geht es auch immer wieder darum, die beiden Schwestern unter einen Hut zu bringen. Zuhören und diskutieren, aber auch hinausgehen und handeln. Doch diese Aufgabe ist nicht allein den Diakonen und Diakoninnen hier vorbehalten. Die Marias und Marthas in uns und um uns wahrzunehmen, zusammen zu bringen und ihnen zu dienen, das kann eine lebenslange und erfüllende Aufgabe für jeden und jede sein.

Amen                                           

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