08. August 2010
 

Wolfgang Wischmeyer*
 

 

Ein Lied Davids. HERR, du durchschaust mich,
du kennst mich bis auf den Grund.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt es,
du kennst meine Pläne von ferne.
Ob ich tätig bin oder ausruhe,
du siehst mich;
jeder Schritt, den ich mache, ist dir bekannt.
Noch ehe ein Wort auf meine Zunge kommt,
hast du, HERR, es schon gehört.
Von allen Seiten umgibst du mich,
ich bin ganz in deiner Hand.
Dass du mich so durch und durch kennst,
das übersteigt meinen Verstand;
es ist mir zu hoch, ich kann es nicht fassen.
Wohin kann ich gehen, um dir zu entrinnen,
wohin fliehen, damit du mich nicht siehst?
Steige ich hinauf in den Himmel -
du bist da.
Verstecke ich mich in der Totenwelt -
dort bist du auch.
Fliege ich dorthin, wo die Sonne aufgeht,
oder zum Ende des Meeres, wo sie versinkt:
auch dort wird deine Hand nach mir greifen,
auch dort lässt du mich nicht los.
Sage ich: »Finsternis soll mich bedecken,
rings um mich werde es Nacht«,
so hilft mir das nichts;
denn auch die Finsternis
ist für dich nicht dunkel,
und die Nacht ist so hell wie der Tag.
Du hast mich geschaffen mit Leib und Geist,
mich zusammengefügt im Schoß meiner Mutter.
Dafür danke ich dir,
es erfüllt mich mit Ehrfurcht.
An mir selber erkenne ich:
Alle deine Taten sind Wunder!
Ich war dir nicht verborgen,
als ich im Dunkeln Gestalt annahm,
tief unten im Mutterschoß der Erde.
Du sahst mich schon fertig,
als ich noch ungeformt war.
Im voraus hast du alles aufgeschrieben;
jeder meiner Tage war schon vorgezeichnet,
noch ehe der erste begann.
Wie rätselhaft sind mir deine Gedanken, Gott,
und wie unermesslich ist ihre Fülle!
Sie sind zahlreicher als der Sand am Meer.
Nächtelang denke ich über dich nach
und komme an kein Ende.
Gott, bring sie doch alle um,
die dich und deine Gebote missachten!
Halte mir diese Mörder vom Leib!
Sie reden Lästerworte gegen dich; HERR, deine Feinde missbrauchen deinen Namen!
Wie ich sie hasse, die dich hassen, HERR!
Wie ich sie verabscheue,
die gegen dich aufstehen!
Deine Feinde sind auch meine Feinde,
ich hasse sie glühend.
Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz,
prüfe meine Wünsche und Gedanken!
Und wenn ich in Gefahr bin, mich von dir zu entfernen,
dann bring mich zurück auf den Weg zu dir!
Psalm 139

In der altorientalischen Dichtung besitzen die Psalmen des Judentums einen hohen Rang. Das zeigt sich nicht nur darin, dass sie in die hebräische Bibel aufgenommen wurden, sondern wohl auch im kultischen und liturgischen Zusammenhang der Juden eine große Rolle spielten und bis heute spielen. Ihre Hochschätzung kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass die meisten Psalmen mit dem Namen David verbunden sind, also mit dem Königtum Israels und dem Tausendsassa aus Israels Frühgeschichte, den Gründer des jüdischen Jerusalems, der seinen Sohn auch als Liedermacher übertrifft.

Und durch die Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische erbt das Christentum die Psalmen und auch hier setzt sich die Erfolgsgeschichte fort: der Psalter wird zum Gebet- und Gesangbuch der Christenheit. Die Bandbreite der Rezeption ist breit und geht vom Stundengebet der Mönche zu Luther und Taizé und hat einen besonderen Schwerpunkt im reformierten Psalmengesang. Psalmen singend fochten die Heere Cromwells in England - und unser roter Genfer Psalter, aus dem wir heute leider nicht singen, ist eines der letzten Zeugnisse für diese calvinistische Hochschätzung der Psalmen.

Aber die Rezeption der Psalmen beschränkt sich auch nicht auf die Kirchen, sondern für die Literatur ganz allgemein ist der Psalm ein wichtiges Gattung geworden, wobei Vorbild und Anregung der biblischen Psalmen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen und Aussagen neuzeitlicher Dichter führen können.

Dabei spielt sicherlich die herausgehobene dichterische Qualität einzelner Psalmen eine große Rolle. Dies dürfte auch bei unserem Psalm 139 der Fall sein. „Herausgehobene dichterische Qualität“ ist aber erst einmal eine leere Formel und will gefüllt sein: vielleicht ist sie zu bestimmen mit „menschlicher Erfahrungen in aller ihrer Zwiespältigkeit eine adäquate sprachliche Form geben“, also eine Offenheit, die auch sehr Gegensätzliches vereinen kann.

Das heißt doch wohl für uns als Leser und Ausleger eines solchen Textes, ihn nicht von vorneherein mit frömmelnden Augen zu betrachten und als religiösen Text wahrzunehmen, den man deshalb sowieso nicht ernst nehmen muss, weil er ja gar nichts anderes widerspiegeln kann als ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit und einen Einklang meines religiösen Gefühls mit Gott und Natur herstellt, nichts anderes als ein Ausdruck einer gewissen kindlichen Naivität. Gerade in der Ferienzeit, wenn wir zur Ruhe kommend die Schönheiten der Natur wahrnehmen, uns an ihnen freuen, ist das ja oft der Fall, oft eine Gefahr, eine echte Versuchung. Ich kann meine Seele, mein Selbst mein religiöses Gefühl im Text baden. Geh' aus mein Herz…

So einfach ist das aber mit unserem Psalm nicht. Beschleicht einen nicht ein beklemmend orwellsches Gefühl, wenn wir hören: „Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt es, du verstehst meine Gedanken von ferne“.

Wie ist das denn mit meiner Privatsphäre, wie mit meinem Datenschutz? Wo bleiben hier die Datenschützer? Bin ich denn hier gar nichts anderes als der ohnmächtige, gläserne Mensch, von vorne und hinten, unten und oben durchschaubar, ja durchschaut, kontrolliert, ungeschützt, bloßgelegt, nicht nur vom Finanzamt und vom Verfassungsschutz, sondern auch vom sog. lieben Gott? Meine Worte und Gedanken, all mein Tun und mein Wandel werden offengelegt. Es gibt keinen Ort, wohin ich mich flüchten kann, um ganz Ich im Verborgenen zu sein, bei mir selbst, für mich selbst. Auch der listigste Mensch kann dieses Regime der Überwachung nicht austricksen.

Ist er nicht erschreckend dieser Gedanke? Macht er uns nicht Angst? Treibt er uns nicht zu Vorstellungen, dass dann doch alles Schicksal ist, gegen das wir uns nicht wehren können. Unser Leben eine verwaltete Nummer ? Duchgeplant, rationalisiert und optimalisiert von der Geburt bis zur Leichenbahre? Genausowenig wie sich Oedipus gegen den Spruch der Götter hat wehren können, der mit fataler Konsequenz eintrat, den Vater erschlagen, die Mutter geheiratet – und Gott, die Götter, das Göttliche sitzt auf seinem Thron und hat das willenlose Menschlein im Auge. „Hinten und vorne hältst du mich umschlossen und deine Hand hast du auf mich gelegt“.

Totale Überwachung, ja ein Gefängnis, dem gegenüber elektronische Fußfesseln noch eine Wohltat sind. Ein Gott, der als überall anwesend gedacht wird und vor dem, vor dessen bedrohlicher Kontrolle und Überwachung es keine Zuflucht gibt, vor dem ich nichts als Leistung, gute, gerechte, nützliche Leistung zu bringen habe, je mehr, desto besser. Viele Christen haben im Lauf der Geschichte so gedacht und sich zunehmend in eine Gottesverzweiflung gestürzt, zerfressen von solchem Gottesgift.

Haben wir uns denn eigentlich genügend überlegt, was es heißt, wenn wir mit frommer Floskel sagen: Gott kommt uns nahe. Unser Psalmendichter deckt es mit aller Schärfe auf: selbst Flügel der Morgenröte, wenn sie sich in unendlicher Ferne ausbreitet, ja das äußerste Ende des Meeres entfernen mich nicht von der Macht Gottes. Sie ist unentfliehbar, ihr kann man nicht entgehen.

Gewiss eine Seite der dichterischen Aussage ist, dass dieser Gott im Vergleich zu anderen Göttern hervorhoben wird: Er ist überall, andere Götter sind Götter der Städte und Völker; und er ist überall mächtig, und zwar in allem mächtig, während andere Götter zugewiesene Funktionen besitzen, der eine ist für dies und der andere für das zuständig. Und da kann ich versuchen, mich durchzumogeln. Da dürfte sich doch noch eine Lücke finden, wo ich diese Götter gegeneinander ausspielen kann oder im Verborgenen an ihnen vorbei kann.

Umso deutlicher ist aber die andere Seite, die der Dichter ausspricht und anspricht: Es gibt keinen Ort der Verborgenheit vor dem Gott Israels, kein Dunkel, in das ich mich flüchten und verstecken kann: denn spräche ich: „Finsternis breche über mich herein, und Nacht sei das Licht um mich her, so wäre auch die Finsternis nicht finster für dich, und die Nacht wäre licht wie der Tag, Finsternis wie das Licht“.

Ein alles durchschauender und überall präsenter Gott, der mir keinen Platz für mein Leben gönnt. Ist es das, was uns der Psalmist mitteilen will? Die Botschaft, dass ich immer und überall unter der Kuratel Gottes stehe und dieser mich als big brother beobachtet und bei Ungehorsam abstraft? Und bei einem „Aufstand gegen die Ordnung Gottes, straft Gott aus Liebe“, wie es jüngst ein hoher geistlicher Würdenträger in Hinblick auf die Duisburger Ereignisse formuliert hat?

Erst wenn wir diesen schwarzen Hintergrund ausgemalt haben, erst wenn wir, - und unsere Generation kann sich eine solche unmenschliche Überwachung vielleicht besser als frühere Generationen auf Grund der technologischen Möglichkeiten unserer Gegenwart vorstellen – dieses Horrorszenario vom total überwachten Menschen nachgezeichnet haben, merken wir, wie bedacht und überlegt der Dichter uns in eine andere, diesem universellen Zwang- und Kontrollsystem genau entgegengesetzte Richtung führen will, wie behutsam die befreiende Wende vom Dichter eingeführt wird.

Da ist keine Friede-Freude-Eierkuchen-Begeisterung, kein Gefühlsüberschwang, weder nach der einen Seite in trotzigem Gotteswiderstand gegen den Tyrannen Gott noch nach der anderen Seite, die betont, wie schön es sei, in Gottes Hand zu sein, wo alles so wohl geordnet ist, und nicht drauf hört, dass der Dichter von einem Unter-der-Hand-Gottes sein spricht, was doch in der Tat etwas sehr anderes ist.

Behutsam und mit feinen Anspielungen und Assoziationen erinnert sich der Dichter der alten Geschichte von der Schöpfung des Menschen und macht sich klar: das ist ja doch keine alte Geschichte, kein Märchen aus uralten Zeiten: Ich preise dich, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Diese alten Gottesgeschichten von der Schöpfung haben mit mir konkret zu tun. Es geht um mich, meine Geburt, mein Werden zu dem, was ich heute bin: Ich bin nicht der willenlose Sklave, die total kontrollierte Marionettenfigur Gottes, sondern ich bin ein Ich. Meine ganze Physis, meine Nieren geschaffen von Gott im Leib meiner Mutter gewoben.

Ich, der ich aufrecht auf zwei Beinen stehen kann und nach oben in den Himmel blicken kann und meinen Mitmenschen ansehen kann, ich kann Gott vertrauen. Ich kann Gott trauen, denn er traut mir einiges zu. Ja ich kann mich vertrauensvoll an ihn wenden in aller meiner Unsicherheit, wie ich meine eigene Verantwortung wahrnehme: „Sieh, ob ein gottloser Weg mich verführt, und leite mich auf ewigem Wege.“ Welch eine Gabe des Vertrauens steckt hinter einer solchen Bitte, welche Freiheit zur Selbstkritik schenkt sie!

Vertrauen“ beschreibt hier die große Wende. Vertrauen –das ist ein Wort, das uns immer unbekannter wird. Kontrolle, die kennen wir gut und sind in allen Lebensbereichen immer stärker damit beschäftigt, die Kontrollmechanismen auszubauen und zu verbessern. Das heißt doch wohl, dass nicht Vertrauen, vielmehr Misstrauen immer mehr zum grundlegenden menschlichen Lebensgefühl wird. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser – das bestimmt unser Lebensgefühl und unser Gottesgefühl. Das zerstört das Verhältnis zum Mitmenschen und das Verhältnis zu Gott. Und die eine Verbindung kann ohne die andere nicht aufleben und ohne Vertrauen kann keine von beiden leben, nicht der andere und ich auch nicht. Ohne Vertrauen können wir nicht leben.

Ohne Vertrauen kann ich die Allmacht Gottes nur als Diktatur sehen, und nur das Vertrauen kann mich aus meinen Ohnmachtsgefühlen reißen. Und im Vertrauen auf Gott kann ich auch den Hass des Dichters auf die Gotteshasser, diesen glühenden Hass, von dem der Psalmendichter spricht, ebenso als unpassend bezeichnen wie das, was der Salzburger Weihbischof von der liebenden Strafe Gottes sagte, als Unsinn der Lieblosigkeit. Typisch vielleicht für eine längst vergangene Zeit und ihre unmenschlichen Sitten, aber unpassend für die, die das Vertrauen stiftende Wort, ja zum Vertrauen verführende Wort Jesu gehört haben: „Selig, die Frieden stiften, - sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.“

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*Univ.Prof. Dr. Wolfgang Wischmeyer, Vorstand des
Instituts für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

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