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"Zwingli
wieder in Wien"
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Tatsächlich
hat Zwingli einige Zeit in Wien verbracht. Es ist kaum zu glauben, daß
er einmal in die Metropole der Habsburger kam, weil hier der neue
Geist des Humanismus wehte. Das dauerte nicht zu lange und nachfolgende
Schwarzgeister haben die Matrikeneintragung Zwinglis mit einem
Exmatrikulationsvermerk „korrigiert“. Und
doch ist Zwingli wieder in der Donaustadt. Die Evangeli-schen
Kirchengemeinden H.B. berufen sich auf seine Reformation in Zürich
und tragen ihren Namen „H.B.“ nach dem Helvetischen Bekenntnis, das
der Amtsnachfolger nach Zwinglis unerwartetem, frühen Tod Heinrich
Bullinger verfaßte und das die Reformation in der östlichen Hälfte
des Reiches bestimmte. Die
Gemeinde Wien-West, deren Kirche nach Zwingli benannt ist, war
Gastgeberin einer großen Runde des Reformierten Klubs. Ihr Altkurator
Heinrich plauderte recht unorthodox über sein Verständnis von Zwingli:
„dogmatischer Zweifler“, „autoritärer Demokrat“,
„pazifistischer Kriegsheld“, „revolutionärer Ordnungsfanatiker“
und „unfroh gläubig Hoffender“. Oder um mit Gottfried Keller zu
sprechen: „eine gespaltene Persönlichkeit“. Kurz und klar á la
Heinrich: „ein unfertiger Mensch“. Die
Diskussion ging diesem menschlichen Bild des Reformators in
verschiedenen Facetten nach. Professor
Wischmeyer konnte einige Hintergründe der Zeit erklären und die
Entwicklung der Städte und ihres Selbstbewußtseins seit dem späten
Mittelalter deutlich machen. Das war der Rahmen, in dem Zwingli die
Reformation der Kirche suchte, welche aber von den weltlichen
Magistraten entschieden und betrieben wurde. Lange
Zeit verpönt, wurde Zwingli im 19. Jahrhundert gewissermaßen
wiederentdeckt und als Liberaler und/oder nationaler Held wie ein
Wilhelm Tell vereinnahmt. So
entpuppt sich mancher „Widerspruch“ in der Biographie und Persönlichkeit
Zwinglis eher als unterschiedliche Traditions- und Rezeptionsgeschichte.
Es gibt noch mehr an Zwingli zu entdecken als an diesem Abend möglich
war. Aber er ist ja wieder in Wien und wird diesmal länger bleiben. |
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Text:
Johannes Langhoff |