"Zwingli wieder in Wien"
Ein Reformator zwischen Anpassung und Widerspruch

 

 

 


Diskussionsabend des Reformierten Klubs
am 27.3.2003
mit dem Altkurator der Zwinglikirche Wien-West und Autor
Alfred Heinrich
sowie dem Kirchengeschichtler der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien
Univ.Prof.Dr. Wolfgang Wischmeyer


 

 

Tatsächlich hat Zwingli einige Zeit in Wien verbracht. Es ist kaum zu glauben, daß er einmal in die Metropole der Habs­burger kam, weil hier der neue Geist des Humanismus wehte. Das dauerte nicht zu lange und nachfolgende Schwarzgeister haben die Matri­keneintragung Zwinglis mit einem Exmatrikulationsvermerk „korrigiert“.

Und doch ist Zwingli wieder in der Donaustadt. Die Evangeli-schen Kirchengemeinden H.B. berufen sich auf seine Refor­mation in Zürich und tragen ihren Namen „H.B.“ nach dem Helvetischen Bekenntnis, das der Amtsnachfolger nach Zwinglis unerwartetem, frühen Tod Heinrich Bullinger verfaßte und das die Reformation in der östlichen Hälfte des Reiches bestimmte.

Die Gemeinde Wien-West, deren Kirche nach Zwingli benannt ist, war Gastgeberin einer großen Runde des Reformierten Klubs. Ihr Altkurator Heinrich plauderte recht unorthodox über sein Verständnis von Zwingli: „dogmatischer Zweifler“, „autoritärer Demokrat“, „pazifistischer Kriegsheld“, „revolutionärer Ordnungsfanatiker“ und „unfroh gläubig Hoffender“. Oder um mit Gottfried Keller zu sprechen: „eine gespaltene Persönlichkeit“. Kurz und klar á la Heinrich: „ein unfertiger Mensch“.

Die Diskussion ging diesem menschlichen Bild des Reformators in verschiedenen Facetten nach.

Professor Wischmeyer konnte einige Hintergründe der Zeit erklären und die Entwicklung der Städte und ihres Selbstbewußtseins seit dem späten Mittelalter deutlich machen. Das war der Rahmen, in dem Zwingli die Reformation der Kirche suchte, welche aber von den weltlichen Magistraten entschieden und betrieben wurde.

Lange Zeit verpönt, wurde Zwingli im 19. Jahrhundert gewissermaßen wiederentdeckt und als Liberaler und/oder nationaler Held wie ein Wilhelm Tell vereinnahmt.

So entpuppt sich mancher „Widerspruch“ in der Biographie und Persönlichkeit Zwinglis eher als unterschiedliche Traditions- und Rezeptionsgeschichte. Es gibt noch mehr an Zwingli zu entdecken als an diesem Abend möglich war. Aber er ist ja wieder in Wien und wird diesmal länger bleiben.

 

 

 

 

Text: Johannes Langhoff
Bilder: Irene Kornauth (1), www.ref.ch (2), www.zwingli.ch (3) 

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