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"Meinungsforschung -
das Damoklesschwert der Demokratie?"

Podiumsdiskussion des Reformierten Klubs

am 12. Oktober 2006

mit Karl Blecha
ehem. Geschäftsführer des IFES-Institutes
Innenminister a.D.
Präsident des Pensionstenverbandes der SPÖ

 

 

Nicht von ungefähr war für dieses Diskussionsthema ein Termin wenige Tage nach den Nationalratswahlen 2006 gewählt worden. Dass es aber zusätzliche Aktualität bekommen würde, weil die Meinungsforschungsinstitute mit ihren Prognosen diesmal derart daneben gelegen waren, konnte nicht vorhergesehen werden.
Karl Blecha, ein "Meinungsforscher der ersten Stunde", wies zunächst darauf hin, dass "Meinung" seit Kant (der sie als Gegensatz zur Erkenntnis für falsches oder unzureichendes Fürwahrhalten definiert hat) negativ besetzt ist. In diesem Sinn sei Meinungsforschung zwar kein Damoklesschwert, werde von den politischen Parteien aber als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit missbraucht.
Aus dem aufwändigen Institut der Volksbefragung/-abstimmung, die verbindlicheren Charakter trägt, hat sich die einfacher durchzuführende, aber rechtlich völlig unverbindliche "repräsentative Umfrage" entwickelt. Sie wurde für die Politik zu einem - überschätzten - Mittel der Prognose.
 

 

Blecha schilderte kompetent und kurzweilig, aus welchen Motiven Umfragen veröffentlicht werden. So lassen es sich etwa manche Parteien angelegen sein, Ausländerfeindlichkeit in jeglicher Form zu verstärken, indem sie die jeweiligen Umfragedaten veröffentlichen. Andere bezwecken gerade eine Änderung von Ansichten und Verhaltensweisen, was sie ebenfalls durch die Veröffentlichung geeigneter Daten zu erreichen versuchen. Vor Wahlen werden gerne manipulierte Umfragedaten veröffentlicht, um einen "Mitläufereffekt" zu erzielen. Diese Taktik hat aber auch eine Kehrseite: Menschen, die eigentlich mit dieser Partei sympathisieren, fühlen sich nicht mehr vertreten und bleiben der Wahl fern. Eine gegenläufige Methode ist die Erzielung des "Underdog-Effekts": eine Partei übertreibt ihre schlechten Umfragedaten; manche wählen sie dann aus Mitleid.
Mit Hilfe und in Absprache mit den Medien werden von den politischen Parteien Umfragen auch benützt, manipuliert oder gleich ganz erfunden, um gewünschte Themen zu lancieren. Es handelt sich hier meist um telefonische Umfragen, bei denen Zeitpunkt und Institut nicht offengelegt werden und das Sample zu klein ist. Solche Umfragen haben eine Schwankungsbreite von sechs Prozentpunkten in beide Richtungen.
Die Meinungsbildung vollzieht sich in drei Stufen: die erste Stufe ist das Erlangen von Information, wofür die Menschen hauptsächlich das Fernsehen heranziehen. Es folgt die Stufe der Diskussion des Gehörten im Freundes- und Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz. Die dritte Stufe ist jene, auf der sich (wechselnde) Opinionleader durchsetzen. Es wird daher die Taktik gepflogen, Informationen gezielt an Opinionleader weiterzugeben.
Nach diesem Einblick in das Innenleben der Meinungsforschung und einem kurzen Abriss über das Wahlverhalten der Angehörigen der einzelnen Konfessionen folgte eine ebenso interessante und amüsante Diskussion, die sich nicht nur auf das Thema Meinungsforschung beschränkte. Auf Grund Blechas derzeitiger Stellung als "Pensionistenhäuptling", wie er es nennt, war es naheliegend, etwa auch über die Pensionsreform und die Pflegedebatte zu sprechen. Schließlich kamen auch heitere Spekulationen über die anstehende Regierungsbildung nicht zu kurz.

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