| o. Univ.Prof. Dr. Ulrich
KÖRTNER*
VERANTWORTUNG FÜR DAS LEBEN Vortrag für die Gemeindevertretungen der Evangelischen
Pfarrgemeinden HB in Wien
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Biomedizin - Eine Einführung in die Problematik
1. Eine Frage des Lebens
Mit den Fragen der Biomedizin sind zahlreiche Hoffnungen aber auch Befürchtungen verbunden. Dabei geht es um Begrifflichkeiten aus der Naturwissenschaft und Technik einerseits, und deren ethischer Bewertung andererseits.
Grundlegende Wissenschaft ist die Genetik, die auf eine Nutzbarkeit des Lebens abzielt. Es handelt sich hier um eine Grundlagenforschung aus rein technischem Verstandnis. So wird Leben, von uns als "Gabe Gottes" verstanden, plötzlich als technisches Produkt gewertet. Die Bezeichnung des "food design" für die Beschaffenheit von Nahrungsmitteln ist verräterisch. Mediziner, die das Leben schützen und bewahren sehen sich selbst plötzlich in der Funktion des "Anthropotechnikers".
Die Frage nach dem Menschenbild in der Ethik ist allerdings eng an die Frage des Weltbildes gekoppelt.
2. Eine Denkschrift zur Verantwortung des Lebens
Dass diese Denkschrift von der Synode zur Kenntnis genommen wurde, bietet einerseits
Rückhalt für die öffentliche Diskussion, gleichzeitig richtet sie sich damit an Pfarrgemeinden, Wissenschafter/innen und die Öffentlichkeit.
Es geht um Fragen nach
• dem Beginn des Lebens
• der Fortpflanungsmedizin - Wer kann sie in Anspruch nehmen?
• der Präimplantationsdiagnostik
• der Transplantationsmedizin
• dem therapeutischen Klonen
All diese Fragen sind Gegenstand der Diskussion in den Ethikkommissionen. Dabei geht man über von Fragen der Bevormundung zur Frage der Eigenverantwortung über, auch in Forschung und Medizin.
Die christlichen Kirchen nehmen hierzu unterschiedliche Standpunkte ein: Z.B. lehnt die Römisch katholische Kirche Invitrofertilisation strikt ab. Begründung ist dafür die Frage, was mit den Embryonen geschehen soll, die hergestellt, aber nicht eingepflanzt werden. Die österr. Gesetzeslage sieht vor, dass diese Embryonen mindestens ein Jahr aufbewahrt werden. Die Evangelischen Kirchen sehen hier eher das Problem in der Frage von Adoption von Embryonen. Können sie zur Beforschung von Stammzellen herangezogen werden? Sie können nicht zu Menschen heranreifen, stellen aber eine Basis für die Forschung dar. Z.B. wird Knochenmarksgewebe überall dort benötigt, wo es um den Aufbau von Zellen geht:
Blut, Leber, Knochen, u.s.w. Alle Erkrankungen in diesen Bereichen schöpfen Hoffnung auf neue Entwicklungen auf diesem Gebiet.
Wie ist also ein Embryo anzusehen? Ist er ein Zellhaufen oder ein Mensch? Was darf man mit gutem Gewissen mit abgetriebenen Föten tun? Die Pränataldiagnostik hat sich als bedeutend erwiesen, wenn es z.B. um Früherkennung des Downsyndroms geht (Hier liegt eine Beeinflussung durch eine ungerade Chromosomenzahl vor.)
Klar spricht sich die Kirche gegen reproduktives Klonen aus. Die Fehlentwicklungen beim weltweit bekannten "Klonschaf" Dolly treten bereits jetzt zutage.
3. Theologien und Kirchen im Biologie-ethischen Diskurs
Eine der anthropologischen Grundfragen lautet: Was ist der Mensch? Die Beantwortung beinhaltet automatisch die Frage nach Tod, Geburt, Krankheit, u.s.w. Daraus folgt die Frage: Was darf die Medizin? Sie erforscht die Grundlegung von Krankheit, ist aber keine reine Naturwissenschaft. Ethische Werte spielen dabei eine Rolle.
Kirchen können dazu keine Befehle geben über das was richtig und falsch ist, sie können sich nur an der Diskussion beteiligen, die ein Minimum der Grundwerte feststellt. Das darf keine Monopolstellung sein.
Daneben machen sich auch Naturwissenschafter gedanken darüber, was ethisch vertretbar ist. Im Zentrum steht die Frage nach den Menschenrechten.
Umgekehrt ist es zunehmend schwierig ethische Grundwerte allgemein verständlich zu machen. Wie übersetzt man z.B. den Begriff der Ebenbildlichkeit Gottes in eine säkulare Sprache? Genügt der Ausdruck "Menschenwürde"?

Ulrich Körtner und Evelyn Martin
4. Bioethik in evangelischer Perspektive
In den Stellungnahmen deutscher Kirchen ist oft ein alarmistischer Unterton. Ist es prophetischer Protest? Das prophetische Wächteramt der Kirchen ist zweifellos wichtig. Aber auch die Ökumene ist wichtig. Das ergibt die Frage nach den Motiven. Die "Evangelische Freiheit" führt automatisch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Unstrittig ist, 1.) dass kein Menschenlebenfür ein anderes geopfert werden soll und 2.) dass jeder Mensch das gleiche Lebensrecht hat.
5. Wird der homo faber zum homo fabricatus?
Ein Unbehagen an den technischen Entwicklungen der letzten 50 Jahre ist deutlich. Trotz allem darf und muss die Erklärung Martin Luthers zum 1. Glaubensartikel auch im 21. Jahrhundert gelten.
6. Biomedizin und christliche Anthropologie
Sowohl Propheten als auch Kritiker überschätzen die Biomedizin. Es sind nicht an allem die Gene schuld.Dass in letzter zeit die Chancen - und damit die Hoffnung - auf Heilung steigen, ist auf die Grundlagenforschung zurückzuführen, die schon seit Jahrzehnten betrieben wird.
Auch die Gentechnik kann auch keine Behinderungen verhindern, sie kann allerdings neue Krankheitsbilder schaffen.
Die Diagnostik ist vorangeschritten. Aber niemand wird von ihr als "gesund" bezeichnet, sondurn nur als "noch nicht krank".
Die christliche Anthropologie hofft auf die Vollendung - von Gott. Leidensverklärung ist unbiblisch. Die Vergötzung der gesundheit ebenso. Aber es ist sinnvoll, dort zu heilen, wo es möglich ist. Auch die Mittel sind von Gott gegeben.
7. Freiheit und Verantwortung
Es geht nicht um Freiheit der Willkür. Es ist die verantwortung, die vor Gott zu tegen ist. Sind die Grenzen verschoben bedeutet dies einen Zuwachs an Verantwortung.
Die Moral ist diesseits von Gut und Böse. Auch Schuld ist möglich. Es geht um ein Abwägen von Widerstand und Wirken gegen das Leiden.
8. Ausblicke zu Bioethik und Biopolitik
Auch die Frage der Politik in diesem Zusammenhang ist eine ethische Frage. Es gibt in Europa auch einen Pluralismus von Ethikern. Dient die Politik zur Deregulierung von Handlungsebenen? Zunehmend wird den Experten Schuld zugeschrieben. Forschung ist allerdings international. Die Entscheidung präsident Bushs, die Beforschung von Stammzellen zu fördern ist genauso wirksam wie das EU-Jahresprogramm, das die Stammzellenerforschung ermöglicht - auch durch die Mitfinanzierung Österreichs.
Nicht alles, was moralisch gültig ist, ist rechtlich durchsetzbar.
Der gesellschaftliche Frieden wird erhalten bleiben, wenn die Entwicklung gemäßigt wird und Grenzen markiert werden. Nicht verbote sind die Lösung, sondern der Zuwachs an Verantwortung jedes und jeder Einzelnen.
Was können Kirchen tun?
Sie können Begleitung für Menschen in schwierigen Situationen anbieten und einen niveauvollen ethischen Diskurs führen. Auch wenn dieser in der Minderheit bleibt, wird er doch eingebunden in dei Öffentlichkeit.

Publikumsdiskussion
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*o. Univ.Prof. Dr. Ulrich KÖRTNER, Ordinarius an der Evang.Theol. Fakultät der Universität Wien, Vorstand am Institut für Systematische Theologie und am Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Mitglied der Bioethik-Kommission des Bundeskanzleramtes.Zusammengefasst von Evelyn Martin