Einen Djihad für Österreich?

Islam in einer christlichen Umwelt

 

www.reformiertestadtkirche.at

 

 

Podiumsdiskussion des Reformierten Klubs

am 14. 3. 2002

mit dem Vorsitzenden der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Prof. Anas Shakfeh

 

 

 

Zu Beginn dieser sehr gut besuchten Diskussionsveranstaltung gab Prof. Schakfeh einen Überblick über die Geschichte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Mit dem Islamgesetz vom 15. 7. 1912 wurde sie staatlich anerkannt. In den Kronländern Bosnien und der Herzegowina war die Mehrheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens, weshalb dieses Gesetz vom Reichsrat erlassen wurde.

Nach dem Ende der Monarchie bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es jedoch nur wenige Menschen muslimischen Glaubens in Österreich. Nach Kaufleuten und Studierenden kamen ab den Sechziger Jahren Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, später Flüchtlinge aus Bosnien und dem Kosovo.

Diese Menschen haben sich zunächst vereinsrechtlich organisiert und um eine Reaktivierung des Islamgesetzes bemüht. Im Jahr 1979 kam es zur offiziellen Anerkennung als Religionsgemeinschaft durch das damalige Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport.

Es gibt vier regionale Religionsgemeinden: in Wien (für Wien, Niederösterreich, Burgenland) seit 1979, in Linz (für Oberösterreich und Salzburg) seit 1988, in Graz (für Steiermark und Kärnten) seit 2000 und in Bregenz (für Tirol und Vorarlberg) seit 2001. Jede Gemeinde wird von einem Ausschuss geleitet, der neun gewählte, ehrenamtliche Mitglieder hat und das Bundesgremium, den Schura-Rat, der legislative Funktion hat, mit Delegierten beschickt. Der Oberste Rat ist das exekutive Organ der Gemeinschaft, dessen Vorsitzender Prof. Shakfeh ist. Zwei seiner Mitglieder sind Frauen, eine davon in der Funktion einer Frauenbeauftragten.

Weitere Organe sind der Beirat, in dem auch Mitglieder privatrechtlicher Vereine sitzen (diese zuständig für die Erhaltung der Moscheen), und der sich als Bindeglied zwischen diesen und der Gemeinschaft versteht, und die Schiedsgerichte.

Zu den Lebensbedingungen für MuslimInnen in Österreich meinte Prof. Schakfeh, dass auf Regierungsebene alles recht gut funktioniere und auch die rechtliche Situation gut sei, die gesellschaftliche Akzeptanz aber weniger. Das beginne schon auf der Beamtenebene und setze sich in der Bevölkerung fort. Die Ereignisse in Amerika hätten ihre Auswirkungen gehabt, Muslime seien verdächtigt worden, Handlanger von Terroristen oder "Schläfer" zu sein, allmählich habe sich die Lage wieder beruhigt. Die Folgen des Terrorismus, der vor allem der islamischen Gemeinschaft schade, seien jedoch nicht absehbar.

Von Österreich wünsche man sich nur eine funktionierende Infrastruktur für die Religionsausübung. Es gäbe 40.000 muslimische SchülerInnen an 1.680 Standorten mit 5.000 Religionsstunden, aber nur einen Fachinspektor. Wohnheime für alte Menschen und Kindergärten würden fehlen, im einzigen Islamischen Gymnasium im 15. Bezirk in Wien sei nur der Religionslehrer Muslim. Seit 15 Jahren werde über einen Islamischen Friedhof verhandelt, der jetzt in Wien im 23. Bezirk errichtet werden soll.

 

Bei der anschließenden Diskussion...

 

 

- alle Pfarrer der Reformierten Stadtkirche

 

und der Pfarrer der Vienna Community Church waren anwesend -

 

...hatte das Publikum sehr viele Fragen an Prof. Shakfeh, von denen hier nur einige herausgegriffen seien.

Was ist eine Moschee definitionsgemäß, wieviele gibt es? - Eine "richtige" Moschee (mit Minarett) gibt es nur im Wiener 21. Bezirk, doch daneben gibt es viele Gebetsstätten. Generell ist Moschee "jede Stelle, wo ein Muslim betet".

Zum Begriff Djihad: Das bedeute "sich einsetzen auf dem Wege Gottes". Die "Überwindung des Selbst" sei eine höhere Form des Djihad. - Bedeutet "Djihad für Österreich", dass hier der Glaube mit Feuer und Schwert verbreitet wird? Nein, der Islam sei eine tolerante Religion. Das sehe man an Ländern, die zeitweise muslimisch regiert worden sind: In Griechenland seien 98% der Bevölkerung christlich geblieben, in Spanien sei es unter muslimischer Herrschaft zu einer Renaissance des Judentums gekommen. Auswüchse wie das Taliban-Regime würden auf einer langwierigen Fehlentwicklung beruhen und damit zu tun haben, dass durch das Heranwachsen der europäischen Mächte die wirtschaftliche, militärische und kulturelle Stärke des Islam verlorengegangen sei. Islamische Länder seien kolonialisiert worden.

 

 

Zur Polygamie und warum der Koran sie nur Männern gestattet: Das habe einerseits physiologische, andererseits gesellschaftspolitische Gründe. Nach Kriegen bleibe eine große Zahl Frauen mit Kindern unversorgt zurück, es sei sinnvoll, diese zu "legitimieren". Der Islam sei eine Solidargemeinschaft.

Abschließend erklärte Prof. Shakfeh, dass der Koran ein authentischer Text sei, weshalb keine Textkritik geübt werde. Aus demselben Grund müssten die Suren auf Arabisch gebetet werden, da sie sonst nicht authentisch seien. Übersetzung des Koran bedeute "Meinungsübertragung". Es gebe jedoch mehrere Zentren für Übersetzung und Exegese.

 

Die Zeit war zu kurz, um alle Fragen zu beantworten. Umso wünschenswerter wäre es, dass dieser begonnene Dialog eine Fortsetzung findet.

Irene Kornauth

Predigt zum Thema

Kommentar

"Der Kalif von Wien"