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Zum Selbstverständnis der Gewerkschaften
Veranstaltung des Reformierten Klubs am 24.1.2002
von Adrian Weber*
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Am 24.1.2002 wurde vom Reformierten Klub zu diesem Thema ein Diskussionsabend mit dem Vizepräsidenten des ÖGB und Vorsitzenden der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Fritz Neugebauer veranstaltet. In einem - wohl wegen des gleichzeitig stattfindenden Evangelischen Balls - eher kleinen Kreis wurde über Sozialpartnerschaft und die Geschichte des ÖGB, aber auch über aktuelle Belange gesprochen. Gemeindevertreter Alfred Stumfoll stellte den Gast vor und sprach einleitende Worte:

Gewerkschaftsbewegungen reichen bis ins Mittelalter zurück. Ab dem Jahr 1848 etablierten sich die Gewerkschaften endgültig mit der Industrialisierung der Gesellschaft. Gewerkschaften entstanden überall dort, wo Arbeiter ohnmächtig der Macht des Kapitals gegenüberstanden. Durch sie wuchs unter den Arbeitern der Wohlstand, wozu auch Einrichtungen wie zB der Konsum beitrugen.
Fritz Neugebauer, Lehrer und seit 1997 Vorsitzender der GÖD, referierte dann einerseits zur Geschichte und legte andererseits seinen Standpunkt zur derzeitigen Situation dar.

Am Beginn der Bewegung des ÖGB stehen die Namen von zwei Männern. Auf der einen Seite Johann Böhm, SPÖ, der aus dem Baugewerbe kam und auf der anderen Seite Leopold Kunschak, ÖVP, der ein gelernter Sattler war. Beide erlebten das leidvolle Gegeneinander der Arbeiterbewegung in der Ersten Republik und gemeinsam das Konzentrationslager. So entschieden sich beide für das konsensorientierte Miteinander der Zweiten Republik.
Der ÖGB wurde 1945 gegründet. In den fünfziger Jahren versuchten die Kommunisten durch einen Putsch die Republik aufzuheben und Ostösterreich ab Enns zum Satelliten des "wahren Sozialismus" zu machen, was vereiteltwurde.
Der ÖGB hat österreichweit 1,5 Millionen Mitglieder und ist rechtlich ein Verein.
Die Teilgewerkschaften sind in politische und unabhängige Fraktionen gegliedert.
Die SPÖ ist durch drei Faktoren dem ÖGB eng verbunden:
durch eine hohe Parteizugehörigkeit unter den Gewerkschaftsmitgliedern,
durch die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter,
früher durch hohe Posten im Konsum.
Die ÖVP ist durch zwei Faktoren vertreten:
den ÖAAB, der nicht direkt parteizugehörig ist,
die Fraktion Christlicher Gewerkschafter.
Als dritte Hauptfarbe mischen die Grünen mit verschiedenen Bezeichnungen in den jeweiligen Teilgewerkschaften mit. Daneben gibt es noch den KPÖ-nahen GLB, die FA und andere Gruppierungen.
Neugebauer berichtete, dass die Sozialpartnerschaft früher sehr gut funktioniert habe. Seit Neoliberale mitregieren, die der FPÖ zuzuordnen sind, bekomme der ÖGB massiven Gegenwind zu spüren. Für Vizekanzlerin Riess-Passer sei die Sozialpartnerschaft entbehrlich und gehöre abgeschafft. Sie lehne auch das österreichische Kammerwesen entschieden ab.
Zu den derzeitigen Zusammenschlüssen von Teilgewerkschaften meinte Neugebauer, dass eine Gewerkschaft nur dann bestehen kann, wenn sie mindestens 200.000 Mitglieder hat. In Belgien und Frankreich würden die Gewerkschaften durch Grabenkämpfe große Teile ihrer Energie vergeuden.
Gesamteuropäisch gab es bis 1989 zwei große Gewerkschaftsblöcke.
Der Gewerkschaftsbund der Warschauer-Pakt-Staaten zerbrach mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Danach gab es z.B. in Ungarn 16 Einzelgewerkschaften.
Der - nach wie vor bestehende - Europäische Gewerkschaftsbund ist ähnlich organisiert wie der ÖGB.

An das Referat schloss eine Diskussion an, in der auch Fragen wie gewerkschftliche Aktivitäten für Arbeitslose oder AlleinerzieherInnen angesprochen wurden. Neugebauer räumte ein, dass hier die Gewerkschaften - bis jetzt - weitgehend versagt haben.
Auch die nächste Diskussion am 14.3.2002: "Djihad für Österreich - Islam versus Christlicher Glaube" verspricht spannend zu werden.
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* Adrian Weber, Mitglied der Gemeindevertretung, Evangelische Jugend H.B.
Fotos: Irene Kornauth