Glaube
und Heimat
im Burgtheater, 1. November 2001
Eine
sehr persönliche Darstellung
von
Margund Belke*
Rund
70 Personen aus den drei reformierten Pfarren in Wien besuchten das Theaterstück
von Karl Schönherr „Glaube und Heimat“ im Burgtheater. Frau Elfriede
Kirnbauer von Wien-West hatte die Bestellung der Karten organisiert,
erfreulicherweise wurden alle bestellten Karten tatsächlich abgeholt.
Das
Stück behandelt die Vertreibung der Protestanten aus Tirol, es spielt
in der Zeit der Gegenreformation, obwohl Schönherr zu dem Stück durch eine
bildliche Darstellung der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837
angeregt wurde. Ich hatte immer gedacht, dass 1837 Protestanten im ganzen Reich
toleriert wurden, aus dem Programmheft habe ich erfahren, dass sich im Zillertal
geheime Protestanten durch all die Jahre der Verfolgung hatten halten können,
die aber, isoliert, ohne Pastoren, ohne Unterweisung, eine Entwicklung genommen
hatten, die für weltliche und kirchliche Autoritäten zunehmend ein Ärgernis
wurde. Für solche Leute war im biedermeierlichen Österreich kein Platz. Kaiser
Ferdinand I. erließ am 12. Jänner 1837 eine Entschließung, in der Menschen,
die ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklärt haben, angewiesen wurden,
„ihr Domizil in solchen Orten zu nehmen, wo es akatholische Gemeinden (der
Begriff „Kirchen“ für derartige Gemeinden wurde sorgfältig
vermieden)..gibt.“
Das
Stück ist sehr eindrucksvoll gebaut, in der Inszenierung des Burgtheaters wurde
es auf knapp 2 Stunden gekürzt und ohne Pause gespielt. Schauplatz ist immer
ein düsterer Raum aus Balken, teils Scheune, teils Käfig, in dem es immer
wieder regnet, der Boden ist mit Schlamm bedeckt. In diesem engen Raum, in dem
alle Darsteller gefangen sind, spielt sich die Tragödie ab. Die Frage des
Bekennens, der Entscheidung für Glaube oder Heimat – die Möglichkeit
abzuschwören steht jedem offen -, aber auch die Fragen der vielfältigen
Beziehungen zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt werden immer gestellt,
Gott sei Dank gibt es keine „richtige“ Antwort, jede Entscheidung wirft neue
Fragen auf. Mich persönlich hat die Szene des Vagantenpaares Kesselflick-Wolf
und Straßen-Trapperl sehr beeindruckt. Sie sind als einzige nicht in
irgendwelche Spiele um Macht und Reichtum verwickelt und werden daher von allen
anderen, katholisch und protestantisch, abgelehnt.
Der
Schluss wurde geändert: nach dem Selbstmord des
kleinen Spatz überwindet sich Christoph Rott und verzeiht dem Reiter, aber er
wird von dem Reiter getötet, die Rottin tötet darauf den Reiter, sie zieht
allein in ein neues Land. Zum Schluss verschwindet der Käfig, man sieht eine
fast kitschig-schöne Aufnahme der Tiroler Berge. Ich hatte zuerst etwas
Probleme mit dieser Änderung ( bei Schönherr überleben sowohl Christoph Rott
als auch der Reiter, der sein Schwert zerbricht), aber je mehr ich nachdenke,
desto schlüssiger kommt mir diese Variante vor. Mächtige zerbrechen nicht ihr
Schwert.
Nach der Vorstellung hatten wir Gelegenheit, mit den Schauspielern Martin Schwab und Johannes Terne zu diskutieren.

Johannes Terne, Martin Schwab, Balász Németh und Elfi Kirnbauer
In der sehr angeregten Diskussion wurden sehr
unterschiedliche Fragen angeschnitten. Es bestand
weitgehend Einvernehmen, dass der Glaube nicht zur Durchsetzung politischer
Interessen herangezogen werden darf, bzw. dass daraus Gewalt entsteht, dieser
Widerspruch ist weiterhin ungelöst und hat wenig von seiner Aktualität
verloren. Auch die Frage einer Abgrenzung zwischen religiöser Überzeugung und
Fanatismus ist sehr aktuell. Die Einstellung zur Heimat hat sich für uns Städter,
nach zwei Weltkriegen und Vertreibungen und in Zeiten angeblich unbegrenzter
Mobilität, sicherlich geändert, es bleibt die Frage für jeden einzelnen, wie
wir bereit sind, unseren Glauben in Zeiten von Krisen und Gewalt zu bekennen und
zu leben. Es gab auch zahlreiche Fragen zu der vorliegenden Interpretation,
manche Szenen der Aufführung hatten sehr verstörend gewirkt, wir versuchten mögliche
Interpretationen zu finden.

Es bleibt die Erinnerung an einen sehr schönen Abend. Die anschließende Diskussion hat mit geholfen, manche Interpretationen besser zu verstehen, bzw. hat sich gezeigt, wie unterschiedlich die Aufführung aufgenommen wurde. Neben der interessanten Theateraufführung war es auch eine Möglichkeit der Begegnung mit Mitgliedern der anderen Pfarren. Es wurde angeregt, weitere Theaterbesuche zu organisieren, positive Erfahrungen sollen fortgesetzt werden.
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Dr. Margund Belke, Kulturbeauftragte im Presbyterium der Reformierten
Stadtkirche
Fotografiert hat diesmal Johannes Langhoff!