|
IN GOD WE TRUST |
|
|
Der religiöse Touch amerikanischer Politik und Gesellschaft
|
|
mit Dr. Greory W. Sandford
|
|
Eine Veranstaltung des Reformierten Klubs am 11. 4. 2002
|
| Aus europäischer
Perspektive gibt es ein tiefes Misstrauen gegen eine stark religiös
verbrämte Politik der USA. Dr. Sandford (19 Jahre lang im auswärtigen
Dienst der USA und jetzt als Geschichtsprofessor tätig) hat auf einem
gut besuchten Abend des Reformierten Klubs durch einen einleitenden
Überblick und im Gespräch zum Nachdenken und Hinterfragen angeregt.
|
|
|
| Seit der Gründung der
USA sind Staat und Kirche konsequent getrennt, während gleichzeitig die
Religion dem Staat übergeordnet wird. Es waren die dem reformierten
Zweig des Protestantismus entstammenden Puritaner aus England (die
Pilgerväter), die nach der in Europa erfahrenen Intoleranz, Verfolgung
und Verquickung von Monarchie und Kirche einen neuen Staat gründen
wollten, der von moralischen Prinzipien geführt, aber auf dem Grundsatz
der Toleranz stehen sollte. Unabhängigkeitskrieg, Bürgerkrieg und
sogar die Eroberung des "Wilden Westens" wurden weithin als
christliche Pflicht verstanden gegen die ungerechte Tyrannei der
englischen Krone, die gotteslästerliche Sklaverei und für die
Ausbreitung des Segens der Demokratie.
Das galt auch noch für den Ersten Weltkrieg, der dem Wesen des Krieges ein Ende machen und die Welt für die Demokratie sichern sollte (so Präsident W. Wilson, ein Presbyterianer). Der Zweite Weltkrieg und gewissermaßen der Kalte Krieg wurden als Verteidigung der Zivilisation gegen die Barbarei verstanden. Die jeweils "siegreichen" Amerikaner mussten sich durch die Ergebnisse in ihrer Einstellung bestätigt fühlen. Dagegen hat das Versagen der meisten europäischen Kirchen zu einem Ansehensverlust und geringerem öffentlichen und politischen Einfluss geführt.
|
|
|
| Auf die zwangsläufige
Rückfrage nach der Krise, die der 11. September ausgelöst haben muss,
antworteten die amerikanischen Studierenden, die Dr. Sandford bei seiner
mehrwöchigen Studienreise hier in Wien und in Deutschland unterrichtet.
Sie hätten gerade jetzt eine zunehmende Nachfrage nach persönlichem
Halt in der Religion erlebt. Viele Geschichten würden weitererzählt
von Menschen, die aus der Katastrophe gerettet wurden bzw.
"zufällig" nicht am Unglücksort waren.
Religion, Kirchen und nichtchristliche Religionsgemeinschaften sind in den USA keiner Partei oder Regierung zuzuordnen. Selbst die Opposition wie etwa gegen den Vietnamkrieg oder die Bürgerrechtsbewegung traten unter Berufung auf religiöse Werte in den Widerstand.
|
|
|
| So ist auch die
"Moral Majority" zu verstehen, die sich gegen die Auflockerung
der Moral und den Werteverlust wehrt. Dabei unterstützt die Mehrheit
der Bevölkerung die Themen (Familienwerte, gegen Gewalt und
Pornographie in den Medien, Drogen...), aber durchaus nicht die
reaktionäre Politik dieser Bewegung, da ihr Handeln nicht demokratisch
scheint. Der religiöse Bezug amerikanischer Politik birgt die Gefahr
der Erstarrung, Arroganz, Kompromiss- und Kritikunfähigkeit. Die
behauptete Gerechtigkeit kann zur Selbstgerechtigkeit werden.
Tatsächlich verstehen Amerikaner Religion als eine moralische Instanz,
an der Politiker gemessen werden, wodurch die individuellen Rechte
gesichert sind und worauf der aktive gesellschaftliche Einsatz beruht.
Amerikanische Regierungen können nicht allein aus Staatsraison handeln,
sondern sind abhängig von moralischer und religiöser Kritik.
|
| Text: Johannes Langhoff |