| EIN FEST
FÜR JOHANN NESTROY
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ZUM 200. GEBURTSTAG
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| "NESTROY
- ein origineller Christ"
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| 12. 12.
2001
REFORMIERTE STADTKIRCHE
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| Vorleser:
Michael
Bünker und Peter Karner |
| Couplets:
Uli
Horner |
| Jan
Daxner, Flöte |
| András
Fekete, Violine |
| Klaus
Hehn, Klavier
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Vor
200 Jahren ist er geboren worden, der Herr von Nestroy, aber was ihn ein
Pfarrer zu diesem Jubiläum fragen will, hat Nestroy längst beantwortet.

War
das Theater auch für Sie eine “moralische Anstalt“?
NESTROY:
„Das Volk muss physisch beim Gnack gepackt - und moralisch mit der
Nasen drauf g’stoßen werden.“
Haben
Sie auf einen Literaturpreis gehofft?
NESTROY:
„Bis zum Lorbeer versteigt ich mich nicht. Gefallen sollen meine
Sachen; unterhalten, lachen sollen d’ Leut. Und mir soll die
G’schicht a Geld tragen ‚ dass ich auch lach’ -
das is der ganze Zweck. G’spaßige Sachen schreiben und damit
nach dem Lorbeer trachten wollen, das is eine Mischung von Dummheit und
Arroganz, das is grad als wie wenn einer ein’n Zwetschenkrampus macht
und gibt sich für einen Rivalen von ’n Canova aus.
Kann
man mit der Satire die Menschen ändern?
NESTROY:
Ein
satirisches Unternehmen ? Hast du Freunde ? Ah, die hoffst du zu finden.
Mit der Satire ? Mit dem ominösen Zauberstab, der die besten Freund’
in Feind’ verwandelt ? Ja, die Menschen lachen gern. Wenn aber einer
nach dem andern merkt, dass er bei die Satiren über sich selber gelacht
hat, das bildet eine Masse, die einem ’s bitter nachtragt.
Bedeutet
Ihnen das Lob der Nachwelt etwas?
NESTROY:
„Ich hab immer für die Nachwelt etwas sein wollen -
und man soll bloß für die Mitwelt etwas vorstellen. Der kluge
Mann der Gegenwart sagt: Was hat denn die Nachwelt für mich getan? Gut,
das Nämliche tu ich für sie.“
(Interview
von Peter Karner)
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„Das
Wort des Herrn erging an Jona: Mach dich auf den Weg, und geh nach
Ninive, in die große Stadt, und droh ihr das Strafgericht an! Jona
machte sich auf den Weg; doch er wollte nach Tarschisch fliehen, weit
weg vom Herrn. Er ging also nach Jafo hinab
und fand dort ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Aber der Herr ließ
auf dem Meer einen heftigen Wind Iosbrechen; es entstand ein gewaltiger
Seesturm, und das Schiff drohte auseinanderzubrechen. Da sagten sie
zueinander: Kommt, wir wollen das Los werfen, um zu erfahren, wer an
unserem Unheil schuld ist. Sie warfen das Los, und es fiel auf Jona. Da
nahmen sie Jona und warfen ihn ins Meer.“
(Jona
1/1 – 4, 7, 15)
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Uli Horner
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„Wie
der Jonas ins Meer hinein‘plumpst is, was geschieht?
Kommt
ein Walfisch und schlickt ihn vor lauter Appetit;
Doch
er muss ihm nicht g‘schmeckt hab‘n, ‘s war ein heikliges Viech.
Nach
drei Tag‘n gibt er‘n ganzen Propheten von sich.
Das
hab‘n d‘ Leut unerhört
Für
ein Wunder erklärt.
Wir
hab‘n Politiker jetzt voll prophetische Gab‘n,
Die
bei all‘n, was g‘schieht, sag‘n, dass sie‘s voraus gewußt
hab‘n;
Ohne
dass sie wer schlickt, lieg‘n s‘ allen Leuten im Magen,
Was
kein Walfisch verdaut, müssen oft Menschen ertragen.
Und
man nennt das kein Wunder jetzt mehr heutzutag‘
Man
find‘t ‘s ganz natürlich und kein Hahn kräht danach!“
(Nestroy)
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Ensemble
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„Ich
hab es öfters rühmen hören, ein Komödiant könnt einen Pfarrer
lehren.“
(Goethe, Faust I)
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„Als
ich mein Tagewerk ansah, und alles, was ich mit Mühe und Arbeit gemacht
hatte, schau, da war das alles nichts und ein Haschen nach Wind. Was hat
denn der Mensch von all seinem Mühen und Streben. Sein Leben bringt ihm
nur Leiden und Verdruss, und selbst bei Nacht kommt sein Herz nicht zur
Ruh.“ (Prediger 2/11)
„Wer
in der Früh aufsteht, in die Kanzlei geht, nachher essen geht, nachher
präferanzeln geht und nachher schlafen geht, der vegetiert.
Wer
in der Früh ins Gwölb geht, und nachher auf die Maut geht und nachher
essen geht und nachher wieder ins Gwölb geht, der vegetiert.
Wer
in der Früh aufsteht, nachher a Roll’n durchgeht, nachher in die
Prob’ geht, nachher essen geht, nachher ins Kaffeehaus geht, nachher
Komödie spielen geht; und wenn das alle Tag’ so fortgeht, der
vegetiert.
Zum
Leben gehört sich, billig berechnet, eine Million; und das ist nicht
genug: auch ein geistiger Aufschwung g’hört dazu. Und das find’t
man höchst selten beisammen.“ (Nestroy)
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Illustre
Gäste: Erzherzog Markus Habsburg und Dr. Othmar Nestroy,
Universitätsprofessor für Geologie
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„Die
Liebe ist langmütig, sie ist gütig; die Liebe eifert nicht, die Liebe
prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie tut nichts Unschickliches,
sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet
das Böse nicht an; sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie
freut sich aber mit der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles,
sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe vergeht niemals.“
(1.
Korintherbrief 13 / 4 – 8)
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| „Bei
der Lieb‘ is das Schöne, man kann aufhören zu lieben, wenn‘s
ein‘m nicht mehr g‘freut, aber bei der Ehe! Das Bewusstsein: Du
musst jetzt all‘weil verheirat‘t sein, schon das bringt einen um.
Ich weiß, wie das Ganze entstanden ist: Die Schöpfung hat sich einmal
im Dramatischen versucht und hat eine Komödie verfasst, „Die
Liebe“, und das Stück is halt so gut ausg‘fallen, allgemeiner
Beifall und Andrang - da hat dann die succes-verblendete Schöpfung
einen zweiten Teil draufg‘macht, „Die Ehe“, und wie‘s schon geht
bei die zweiten Teil‘, es is nicht mehr das Interesse.“
(Nestroy)
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„Die
Sonne geht auf, die Sonne geht unter
und
strebt zurück an ihren Ort,
wo
sie wiederum aufgeht.
Was
gewesen ist, wird wieder sein,
und
was geschehen ist, wird wieder geschehen.
„Es
gibt nichts Neues unter der Sonne“.
Oder
ist etwas, von dem man sagen kann:
Schau,
da ist etwas Neues.
Längst
schon ist es da gewesen.“ (Prediger 1/ 5, 9 –10)
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„
... und es gibt ja nix Neues
unter der Sonne, man sagt wenigstens, es war alles schon da. Ich aber
sag‘ konträr, es war eine Menge noch nicht da, und dann kann man ja
das, was sich in Jahrhunderten, nur einmal ereignet, doch auch unter das
Neue rechnen.
Es
tut einer prassen
Ganz
über die Maßen.
Um
Geld z‘ kriegen in d‘ Hände,
Verspricht
er Prozente;
D’
Leut blend‘t d Equipagi,
Vertraun
ihm ihr Laschi.
Gach
tut er verschwinden,
ls
in Neu-York zu finden;
Die
Gläubiger fluchen,
Dort
können s‘ ihn suchen.
Solche
Fälle, na ja, war‘n schon tausendmal da.
Doch
dass einer saget: „Meine Herren Kreditoren,
Noch
habts nix verloren;
Doch
Betrug bringt kein‘ Segen,
Drum
nehmts mein Vermögen,
Dass
ich niemand betakl,
Mit
mein‘ Gschäft hat‘s a Hakl.
Auch
was auf d Frau gschrieben,
Nehmts
hin nach Belieben.
Sie
geht gern mit mir betteln, wenn ich Ehr’nmann nur heiß‘! -
Ja,
so eine Krida wär‘ ganz etwas Neu‘s."
(Nestroy,
Der Unbedeutende)
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Nestroy
und die Zensur
Nestroy
hat als Autor und Schauspieler viele Jahre mit der vormärzlichen Zensur
zu kämpfen gehabt. Mehrmals wurde er dafür mit kurzfristigem Arrest
bestraft. Aber, er war originell genug, um dann auf der Bühne die
schwachsinnige Zensur dem Gelächter des Publikums preiszugeben.
In
seinem Revolutionsstück “Freiheit in Krähwinkel“, 1848, definiert
er dann erbarmungslos:
„Ein
Zensor ist ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener
Mensch, ein fleischgewordener Strich über Erzeugnisse des Geistes; ein
Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin
schwimmenden Literaten die Köpf’ abbeißt ...
Die Zensur ist die Jüngere von zwei schändlichen Schwestern,
die ältere heißt Inquisition.
Die
Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, dass sie nur verdummte
Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können. Ein
Aufklärungsstrahl hat der Zensur in neuester Zeit das Brandmal der Verachtung aufgedrückt.“
Und heute heißt es im Gesetz: „Eine Zensur findet nicht statt.“
Also
könnte Nestroy heutzutage unbehelligt von jeglicher Zensur auf der Bühne
agieren? Oder würde jetzt Herr Ultra dem Bürgermeister von Krähwinkel
erzählen, dass Inquisition und Zensur noch eine dritte Schwester
bekommen haben, die so diskret am Werk ist, dass man sie nur unter ihrem
Spitznamen “Selbstzensur“ kennt. Nestroy war nicht nur so ein großer
Sprachmeister wie Karl Kraus: Er hat seinem Publikum auch die Wahrheit
zugemutet.
Peter Karner, aus:
Reformiertes Kirchenblatt 12/01 |