von
Michael
Bünker
Kurt Lüthi wurde am 31. Oktober 1923 im Kanton Bern geboren. Er studierte Theologie in Bern und in Basel, u.a. bei Oscar Cullmann und Karl Barth. 1949 wurde er Pfarrer, 1964 nach Dissertation und Habilitierung auf den Systematischen Lehrstuhl H.B. in Wien berufen. Würdigungen zu seinen runden Geburtstagen haben die theologischen Arbeiten in ihrer ganzen Bandbreite, die Bedeutung für den Dialog zwischen Kunst und Kirche und seine Bedeutung für die Evangelische Kirche H.B. hervor gehoben. Daher erlaube ich mir, lieber Kurt, heute dein Wirken aus dem Blickwinkel deiner Beiträge im Rahmen deiner Tätigkeit in der Generalsynode mit dem Schwerpunkt in den 70er Jahren ins Auge zu fassen.
1972. Evangelisches Jugendwerk. Dekan Dr. Lüthi: „Es ist erstaunlich, wie sich in dieser Generalsynode schon seit einigen Sessionen die Frage „Ekklesiologie“ aufdrängt. Es geht um die Frage des Kirchenverständnisses und des Kirchenbildes. Zum Problem der jungen Menschen: Dass diese jungen Menschen vom Jugendwerk ihre Verantwortung noch in ihrer Kirche wahrnehmen, ist etwas Großes. In 20 Jahren wird es vielleicht anders aussehen. Auch wenn sie uns das Gespräch schwer machen, sollten wir an dieser Möglichkeit des Dialogs festhalten. Wollen wir als Angehörige der älteren Generation [ Lüthi war damals 49 Jahre alt!] dieser Gruppe von Jugendlichen, die diese Verantwortung tragen will, einen bestimmten Stil auferlegen?...Wir müssen auch unter der Jugend einen Pluralismus billigen.“
1972: Antirassismusprogramm. „Dekan Dr. Lüthi betont, dass es durchaus biblischem und christozentrischem Denken entspricht, sich mit den Entrechteten zu solidarisieren.“
Abgesehen davon, dass du dich hier verbal vor deinem Lehrer Karl Barth verbeugst, taucht schon die Kontur einer Theologie der Befreiung in Solidarität mit den Armen und Entrechteten auf. Es waren auch diese Konflikte, die zur Gründung der Salzburger Gruppe führten. 1973 hast du ihr Grundsatzprogramm, die „Theologischen Thesen zur gegenwärtigen Situation der Kirche“ (ID 2/1973, 19-27) verfasst.
1973. Schwangerschaftsabbruch. Lüthi „macht auf die erschreckend hohe Dunkelziffer bei der Abtreibung aufmerksam. Die strafrechtliche Drohung ist ganz unwirksam und Entkriminalisierung das Minimum dessen, was wir fordern müssen. Als christlicher Ethiker tritt Prof. Dr. Lüthi persönlich für die Fristenlösung ein. Er hält sie für eine relativ gute Möglichkeit, um eine Entkriminalisierung zu erreichen.“
1976. Fragerecht, Konflikt Fakultät-Kirchenleitung. Lüthi u.a.: „Seit über 30 Jahren betätige ich mich politisch und sehe dies als eine Forderung des Glaubens an. Hierin lasse ich mir keinen Maulkorb umhängen“
1978. Antrag der Synode H.B., auf ersatzlose Streichung des § 22 (4) der OdgA – also volle Gleichberechtigung der Frauen für das geistliche Amt. Die Gegner greifen zu Verfahrensfragen, ohne inhaltlich auf den Antrag einzugehen. Die Ausschüsse sollen damit befasst werden. Dann heißt es: „Univ. Prof. Lüthi spricht sich für Verhandlungen mit den Betroffenen selbst aus. In der Öffentlichkeit sei eine zunehmende Sensibilisierung für die Menschenrechte der Frau zu sehen. Im Erscheinungsbild der Kirche seien die Frauen jedoch unterrepräsentiert.“ Nicht nur dein Anliegen für Emanzipation und Dialog mit den Betroffenen, sondern auch der Konnex mit der Öffentlichkeit, heute würde man sagen Zivilgesellschaft, kommt da zum Ausdruck. Der Bischof hielt dagegen, dass das ganze eine Ausnahmeregelung sei, weil ja auch die Frauen in der Kirche eine Ausnahme seien. „Es gibt kaum Frauen, die sich in das Amt drängen. Die derzeitige Auseinandersetzung ist im Grund genommen viel Lärm um nichts.“ Ich überschreite jetzt meine Befugnis als Laudator, lieber Kurt, aber dir gegenüber möchte ich doch meine feste Hoffnung ausdrücken, dass wir als Kirche aufhören, den Frauen vorzuschreiben, wie sie in der Kirche zu sein haben.
Lieber Kurt, diese von dir betriebene Theologie für eine offene Kirche war und ist erfolgreich. Ich verwende ganz bewusst dieses Wort. Du bist meines Wissens der einzige Theologe, der mit einem theologischen Buch die Öffentlichkeit interessieren konnte. 6. Februar 1979: Gottes Neue Eva auf der Titelseite des profil. Der Artikel von Sigrid Löffler. Trotz kritischer Stimmen von konservativen Theologen und auf der anderen Seite Feministinnen hast du mit diesem Buch ein „Bravourstück“ geliefert, wie Wilhelm Dantine formulierte, eine „Zeitbombe“, wie Sigrid Löffler meinte, eine Vorgabe, die wir vielleicht auch durch unsere heurige Synoden- und Generalsynodensitzungen – Stichwort Gleichstellung – wieder ein Stück weit einzuholen und nachzukommen versuchen.
Du hast dich immer für eine kritische Publizistik eingesetzt und bedauert, dass Kirche und Theologie ein so schlechtes Verhältnis zur Öffentlichkeit haben. Öffentlichkeit tut beiden gut! Deshalb wurdest du auch am 5. Juni 1979 in den „Club 2“ eingeladen. Unter dem Titel „Adam und Eva der Zukunft“ hast du unter der Moderation von Dieter Seefranz mit Marieluise Jansen-Jurreit, Rudolf Weiler und Heidi Brühl diskutiert.
Lieber Kurt, dein Reformiertes Kirchenblatt gratuliert dir zum 80er als theologisch-kirchlichem engagierten Anreger, Motivierer und Theologen des Dialogs. Auf dem Titelseite sieht man eine Großaufnahme von dir, ein Porträt. Es zeigt dich mit leicht windzerwuscheltem längeren Haar, Brille mit dunkler Fassung, einem kragenlosen Hemd und – breit lächelnd. Es ist mir gleich bekannt vorgekommen und in der Tat: Dieses Porträt ist der Ausschnitt eines Bildes, das die Rückseite deiner Aufsatzsammlung „Mut zum fraglichen Sein“ ziert. In dieser Sammlung aus dem Jahr 1996 beschreibst du die Wege eines Theologen zu modernen Kunst und Literatur und entwirfst dabei das Programm einer zeitgenössischen Theologie. Die zeitgenössische Theologie ist fähig zum Dialog mit Kunst und Literatur. Warum? Weil sie von Luther herkommend etwas um Inkarnation, Menschwerdung, Menschlichkeit und damit auch Alltäglichkeit Gottes weiß, also dem „großen Realen“, wie es etwa bei Joseph Beuys oder Hermann Nitsch zu sehen ist. Weil sie aber auch von Johannes Calvin herkommt, der die Distanz zwischen Gott und Mensch betonte – Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde, sagt Karl Barth - und damit das „große Abstrakte“, für das Kasimir Malewitsch, Marc Rothko oder Barnet Newman stehen. Mut zum fraglichen Sein soll die Theologie in Zeitgenossenschaft ausdrücken. Damit versuchst du, den Mut zum Sein, der nach Paul Tillich den Glauben ausmacht, unter den heutigen Bedingungen der radikalen und umfassenden Fraglichkeit allen Seins auszudrücken, von der Ulrich Körtner geschrieben hat. Kunst und Theologie stehen seit 1945 und den Erfahrungen von Auschwitz und Hiroshima vor der erschreckenden Tatsache dieser radikalen Fraglichkeit. Und eben hinten drauf auf diesem Buch das Bild von dir, breit lächelnd, aber diesmal nicht nur der Porträtausschnitt, sondern das Ganze. Man sieht dich da, eine Jacke und einen Regenschirm in der Linken – also offensichtlich auf Kulturspaziergang – neben einem riesigen bronzenen nackten rechten Männerbein stehen, lässig hingelehnt. Du reichst diesem Mannstrumm nicht einmal bis zum Knie und doch ist keine Furcht, sondern das breite Lächeln des Kurt Lüthi. Aber auch dieses Bild ist ein Ausschnitt und ich hatte weiter zu suchen, bis ich zu einer dritten und noch früheren Fassung kam: In der dir gewidmeten Solidaritätsschrift zwischen den runden Geburtstagen 60 und 65 findet sich das Bild gleich auf der dritten Seite und dort steht auch endlich, von wem es stammt: Es ist von Linda Christanell, mit der du seit 1973 das Leben teilst, aufgenommen. Die bronzene Figur, an die du dich lächelnd lehnst, kniet mit dem zweiten, dem linken Bein auf einem Podest oder Mauervorsprung, der herabhängende Schurz ist gerade noch zu erkennen. Sicher irgendein Held, ein Heroe, sei es biblischer Geschichte oder antiker Mythologie entnommen, der irgend etwas Übermenschliches vollbracht hat. Vielleicht – wer weiß – der Schutzpatron von Männerwelt und Männerkirche. Für dich nun kein Objekt des Hasses, oder des verzweifelten Kampfes, auch nicht der Bewunderung, sondern schlicht des Lächelns. Als wüsstest du: der tut nichts mehr. Titel dieser Festschrift aus dem Jahr 1986: Befreiung in Zwängen. Die Einleitung beginnt mit folgenden Worten: „Es mag ungewöhnlich erscheinen, dass ich als Frau, Sozialistin und Politikerin das Geleitwort für ein Buch schreibe, das einem Theologieprofessor gewidmet ist:“ Ja, das ist schon ungewöhnlich gewesen, liebe Johanna Dohnal, wenn nicht Kurt Lüthi eben so ungewöhnlich wäre.
Vor kurzem bist du gefragt worden, vor welchen großen Herausforderungen du die Kirche von heute siehst. Deine Antwort: „Ich erwarte als Kirche in der Welt von heute eine ‚offene Kirche‘. Damit geht es darum, dass Kirchen ‚Mut zum Dialog‘ entwickeln.“ Wie erwirbt sich nun Kirche diese dialogische Kompetenz? Nach Kurt Lüthi, indem sie sich als Theologie der Befreiung für Europa versteht. „Diese Theologie ist auf Themen wie Friedensethik, Ethik der Geschlechter, Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Religion, Tiefenpsychpologie und Theologie beziehbar.“ Mit anderen Worten: Es ist eine Theologie und Kirche, die bei dir in die Lehre gehen kann, weil du sie glaubwürdig entwickelt und entworfen hast. Sie wird sich an die muskelbepackten Riesenbeine der Tradition und der Herkömmlichkeit lehnen, ohne von ihnen abhängig sein, sondern auf eigenen Beinen stehen und der Welt ins Gesicht sehen, wie du auf dem Foto, mit einem breiten Lächeln.
Sonntag, 26.Oktober 2003
Pauluskirche (Wien – Landstraße)