Kein Friede ohne Gerechtigkeit

 von Michael Bünker*

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat geredet. (Micha 4,3-4)

 Diese Worte des Propheten Micha wirken in diesen Tagen wie aus einer fremden Welt zu uns gesprochen. Was für ein Gegensatz wird da deutlich zu den Tönen, die wir jetzt ständig hören, und zu den Bildern, die uns nicht mehr loslassen. Die Rede des Propheten ist konträr zu unseren Erfahrungen. Da war nicht die Prophetie auf der Tagesordnung sondern die Apokalypse live auf Sendung. Und nun haben die apokalyptischen Bilder auch ihre apokalyptische Sprache gefunden. Die Rede ist zunehmend vom Krieg. Nicht von irgendeinem Krieg, sondern vom Krieg der Guten gegen die Bösen, vom Licht gegen die Finsternis, vom Krieg, der der ganzen zivilisierten Welt erklärt wird. Und nichts ist mehr, wie es war - so heißt es - eine Epochenwende ist eingetreten, die Zeit kann ab jetzt neu eingeteilt werden: vor und nach dem 11. September 2001.

Was bedeuten jetzt die Worte des Propheten? Sind die Worte vom Frieden die Worte einer versunkenen, vernichteten, verbrannten Welt, über denen ein endgültiges „nicht mehr“ steht? Oder sind diese Worte eine Perspektive für ein Morgen, von dem wir vielleicht noch nichts wissen? Auf jeden Fall aber für eine Hoffnung, die noch nicht eingelöst ist. Zwischen diesen beiden - dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht‘ - bewegt sich der christliche Glaube. Was erlöst unsere Zukunft aus der Gewalt der Geschichte? Ich höre, dass viele Stimmen sagen: „Nur Gewalt erlöst von Gewalt.“ Und diese Stimmen reden dann von Vergeltung, von Sühne, von Rache und hetzen zum Krieg. Christlicher Glaube hingegen fragt: „Wer erlöst die Zukunft aus der Gewalt der Geschichte?“ Und die Antwort lautet: „Es ist der, der selbst durch die Hölle gegangen ist, der, in dem Gott selbst Mensch wurde, verwundbar wie ein Kind, dessen Stärke in den Schwachen mächtig ist. Er ist es, der uns erlöst, der unsere Zukunft aus der Gewalt der Geschichte befreit.

Welche Aufgaben stellen sich von daher für Christinnen und Christen? Welche Aufgaben gibt es für Evangelische in dieser Zeit?

Ich denke zuerst daran, dass durch die Christinnen und Christen die Botschaft der Bibel, die Friedensbotschaft der Prophetinnen und Propheten, glaubwürdig vertreten wird. Auch in einer so schwierigen Anfechtung und einer so schwierigen Situation.

Das zweite ist das Gebet für die Opfer, für alle, deren Leben beendet wurde durch Gewalt, und für die Helfer und Helferinnen.

Als nächstes die Erinnerung an die Verantwortung. Eine Verantwortung die letztlich Gott selbst gegenüber besteht. Menschen haben das Menschen angetan. Daher muss danach geforscht und gesucht werden, wer das getan hat. Und warum. Die Täter sind auszuforschen und zur Verantwortung zu ziehen. Recht statt Rache heißt es. Rache und Vergeltung sind zwar menschlich sehr verständlich, aber für die Politik schlechte Ratgeber. Christinnen und Christen wissen das, dass die Welt so nur noch tiefer in die Spirale der Vernichtung hineingeraten würde. Deshalb überlassen sie Rache und Vergeltung Gott selbst und nehmen sie nicht mehr selbst in die Hand. Das Herbeiführen der Apokalypse ist nicht unsere Sache.

Und schließlich kann es Aufgabe der Christen und Christinnen sein, dass sie vor allen religiösen Verkleidungen von sehr irdischen, politischen Interessen und Zielen warnen. Keine Religion kann, darf solche Taten rechtfertigen. Zurückzuweisen ist auch, dass der Islam und die gesamte islamische Welt nun pauschal mit dem Terror assoziiert wird.

Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Die Schwerter werden dann zu Pflugscharen werden, wenn jeder und jede, Muslim und Muslimin, Christ und Christin, Afghane und Afghanin, Amerikaner und Amerikanerin unter seinem und ihrem Weinstock sitzt und wohnt - und sie niemand mehr schreckt.

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*Dr. Michael Bünker, Mitglied im Oberkirchenrat A. und H.B.

Das evangelische Wort, 16. 9. 2001