PLÄDOYER FÜR EIN KRITISCHES CHRISTENTUM

von Kurt Lüthi*

 

Ein kritisches Christentum ist für mich ein ”nach vorn” orientiertes Christentum. Damit werden Anpassungen an bestehende Zustände und damit wird ein bloßer ”status quo” in Frage gestellt. Im kritischen Christentum gibt es ein ”Prinzip Hoffnung”, hier werden Träume von einer besseren Welt geträumt. Der Blick ”nach vorn” verbindet sich im Sinn zentraler, biblischer Aussagen mit dem Blick ”nach unten”. Dazu zitiere ich Karl Barth: ”Die Christengemeinde ist Zeuge dessen, dass des Menschen Sohn gekommen ist, zu suchen und zu retten, was verloren ist. Das muss für sie bedeuten, dass sie - frei von aller falschen Unparteilichkeit - auch im politischen Raum vor allem nach unten blickt. Es sind die nach ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung Schwachen und dadurch Bedrohten, es sind die Armen, für die sie sich immer vorzugsweise und im besonderen einsetzen, für die sie die Bürgergemeinde verantwortlich machen wird ... Die Christengemeinde steht im politischen Raum als solche und also notwendig im Einsatz und Kampf für die soziale Gerechtigkeit” (Christengemeinde und Bürgergemeinde, S. 26 f.). Dieser Blick ”nach unten” bedeutet konkrete Parteinahme für gesellschaftlich Schwache und Gefährdete; billiger geht es nicht (Barth scheute auch vor der Parteimitgliedschaft nicht zurück).  

1. Das Exodusprinzip als Ansatz.

Man hat das Exodus-Prinzip, von dem ich ausgehe, schon als ”Urbekenntnis Israels” angesprochen. Das Prinzip hat im ersten Testament einen ”Sitz im Leben”: eine Gruppe nomadisierender Hirten verlässt den gewohnten Weideplatz und sucht einen neuen Weideplatz; es geht damit um einen Aufbruch ins Unbekannte. Grundworte des Prinzips: Aufbruch, Unterwegssein, Wanderung, Sesshaftigkeit wird aufgegeben zugunsten einer Verheißung und Hoffnung. Die große, biblische Symbolgeschichte zum Exodus-Prinzip ist die Geschichte vom ”Auszug aus Ägypten”, - die Wüstenwanderung und die Inbesitznahme des gelobten Landes. Mit Aufbruch und Verheißung geht es um die Erfahrung des Exodus—Gottes: dieser Gott selbst ist nicht sesshaft, - für ihn gibt es noch keinen festen Tempel als Wohnsitz, -  er hat keine Priesterschaft, - das Bildermachen ist - weil es über die Gottheit verfügt - verboten. Das Zeichen seiner Präsenz ist die mobile Bundeslade. Die Geschichte hat auch einen sozialen Akzent: ein Volk verlässt eine Sklavenhaltergesellschaft (Ägypten); der Exodusgott hat die Klagen der Unterdrückten erhört; mit dem Auszug wird der ”status quo” (=Fleischtöpfe Ägyptens) aufgegeben. Mit der Erfahrung des Exodusgottes entsteht das Wissen um den Bund Gottes mit seinem Volk, - entsteht die Zusage der Treue dieses Gottes zu seinem Volk, allerdings auch die Inanspruchnahme des Volkes durch Gott in der Tora. Später gibt es Neufassungen des Exodusprinzips. Weite Bezüge entstehen mit dem eschatologischen Denken: das Reich Gottes liegt vorn, liegt in einer Hoffnung, die die Zukunft charakteri­siert; es wird u.a. durch ”schalom”-Zustände charakterisiert (Angebot von Frieden, Ganzheit, Heil).

 

2. Die sozialkritischen Akzente.

Das erste Testament enthält eine Vielzahl sozialkritischer Akzente vor allem durch die Botschaft der Propheten. Mit Recht gibt es heute eine sozialgeschichtliche Exegese.

Einige Einzelheiten: Prophetische Kritik ist Reichtumskritik. Reichtum bedeutet hier Akkumulation von Geld, Gütern, Boden; diese Güter liegen in den Händen der Wenigen. Und: die Arbeitskraft der Armen gehört den Reichen. Nun nimmt aber das prophetische Wort immer auch Partei für die Armen: es lehnt Kälte und Gleichgültigkeit gegen Arme ab, - es lehnt die Entrechtung der Waisen und Witwen ab. Und dann gibt es die theologische Akzentsetzung: gebrochenes Recht von Armen wird vor Gott eingeklagt, - bedeutet Appell an Gott. Jetzt werden Recht und Gerechtigkeit zu prophetischen Grundforderungen. Nur die Erfüllung dieser Forderungen schaffen die heilvolle Existenz, aber auch die von Gott geforderte Gemeinschaft. Damit beruht Gemeinschaft auf dem Ausgleich zwischen reich und arm. Tendenzen des ersten Testaments lassen Institutionen entstehen, die uns heute fremd sind: es gibt z.B. das Zinsverbot für Volksgenossen als Schutz der Armen. Es gibt das Gebot, Felder in regelmäßigen Abständen brach liegen zu lassen, wobei der Ertrag den Armen und den Tieren zugute kommt. Es gibt den Schuldenerlass und Sklaven können unter bestimmten Bedingungen frei werden. Es gibt das Befreiungs- und Halljahr; jetzt ist es möglich, einen Besitz, der verloren ging, wieder zurückzuerhalten.

 

3. Jesuanische Ansätze.

Ich spreche von ”Jesuanischen Ansätzen”, um ein Resultat der ”Historisch-kritischen Methode” zur Jesusfrage zu berücksichtigen. Nämlich: die traditionell—historische Frage ”wie es war” geht bei Jesus ins Leere; sachgemäß ist hier die Frage, was Jesus seinen "Nachfolgern” bedeutete. ”.

 Ich stelle nun eine These zur Diskussion: das Exodus—Prinzip ist im Bereich der Evangelien mit dem Thema des ”Wandercharismatikers” wieder gegeben; Jesus steht als ”Wandercharismatiker” in der Exodus—Tradition und erneuert sie. Für die grundlegende Definition beziehe ich mich auf Theissen (G. Theissen: Soziologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehung des Urchristentums”, 1977, S. 14 ff.) Theissen formuliert: Jesus hat nicht primär Ortsgemeinden gegründet, sondern eine Bewegung vagabundierender Charismatiker ins Leben gerufen. Die Bewegung wurde begleitet durch sympathisierende Männer und Frauen, die der Jesusbewegung das für das Leben Nötige zukommen ließen. Für diese Gruppe gilt: ”Diese Sympathisantengruppen blieben organisatorisch im Rahmen des Judentums”. Jedenfalls entstanden keine festen, institutionellen Lebensformen. Kennzeichen der Wandercharismatiker waren Mobilität, Heimatlosigkeit, Familienlosigkeit, Armut. Soziologisch gehörten solche Gruppen zum Land und nicht zu einer städtischen Kultur, - auch nicht zu einem Tempel. Theologisch waren sie einerseits von Toratreue bestimmt, andererseits waren für sie Radikalinterpretationen des Gesetzes möglich (Beispiel: Bergpredigt). Schließlich herrschte in solchen Gruppen eine apokalyptische Stimmung. Auch für die Jesusbewegung galt: Das Reich Gottes ist nahe. Sozialkritisch gab es wieder Reichtumskritik und Tempelkritik. Dann gab es Forderungen zum Machtverzicht. Aufgefallen sind sicher Haltungen einer ”Anomie” (bis zu Aktionen, vgl. Tempelreinigung Jesu). Jedenfalls gehörte zur Jesusbewegung die Solidarisierung Jesu mit den Armen, - mit den Außenseitern der Gesellschaft.

 

4.  Von der Bibel zu den aktuellen Befreiungstheologien.

Im Rahmen des heutigen Theologengesprächs erhält das Exodus-Prinzip im Bereich der Befreiungstheologien einen hohen Stellenwert. Die ”klassische” Befreiungstheologie in Lateinamerika bedeutet die Reaktion des christlichen Glaubens auf den Leidensdruck, auf ökonomisch-entwürdigende Verhältnisse. Damit entstand ein beeindruckendes Modell einer Theologie aus der Perspektive gesellschaftlicher Opfer. Der Praxisbezug wurde dann bekanntlich mit dem Schlagwort ”Option für die Armen” bestimmt. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat eine umfassende Wirkungsgeschichte in der Schwarzen Theologie, in einheimischen Theologien, in der feministischen Theologie. Eine Befreiungstheologie ”für Europa”(besser: für die westlichen Industrieländer) stellt die Frage nach dem Armen anders als in Lateinamerika: Wer ist der Arme, wer ist das Opfer in der westlichen Industriewelt? Hier entsteht ein ”erweiterter” oder ”doppelter” Armutsbegriff. Nach wie vor gibt es den ökonomisch Armen (Arbeitslosigkeit, sog. Neue Armut, entwürdigende Familien— und Wohnverhältnisse). Es gibt nun aber auch den psychisch Armen. Ein Beispiel: Mobbing-Opfer sind zunächst einem wirtschaftlich—ökonomischen Druck ausgesetzt; sie werden dann aber auch psychisch bedrängt und belastet, was sich oft in körperlichen Krankheiten auswirkt.

Der ”doppelte Armutsbegriff” fordert Reaktionen christlicher Sozialkritik. Grundlegendes Postulat dieser Kritik: Opfer der Gesellschaft sollen eine Lobby in der Öffentlichkeit erhalten: ihre Probleme müssen ”zur Sprache gebracht” werden, um Verantwortung zu wecken. Dann geht es aber auch um den Mut zu Reformvorschlägen. Postulate aus dem Bereich der Ökonomie und der Ökologie: Alternative Banken gegen ökonomische Großunternehmungen, Energiesteuern, kleinregionale Organisationsformen, Schuldenerlass (für die 3. Welt). Sinnvoll wäre auch die Diskussion eines ”Grundeinkommens für alle”. Weiter sind Institutionen und Leitungsgremien auf psychosoziale Gesichtspunkte hin zu überprüfen: wo entstehen Haltungen auf Grund von Verdrängungen? Wo entstehen Haltungen auf Grund von Ängsten (es gibt die Probleme angstmachender Systeme)? Wo entstehen Haltungen auf Grund von verschleierten Zwängen? Hier überall gibt es Opfer, für die man - auch aus christlicher Verantwortung -  eintreten muss.

 

5. Ein aktuelles Beispiel: Die Herausforderung durch den Rechtspopulismus

Ich beschränke mich hier auf das für Österreich aktuelle Phänomen Haider (im freien Anschluss an ausgewählte Punkte des Buches von W. Ötsch: Haider light. Handbuch für Demagogie, 1999 und mit einigen Bezügen zum FPÖ—Parteiprogramm).

Die polarisierenden Denkmuster: Haider argumentiert und agiert mit bestimmten Denk- und Argumentationsmustern, die an die Stimmung und an die Gefühle der Zuhörer appellieren; mit diesen Mustern baut er kommunikativ-geschickte Inszenierungen auf. Dabei verwandelt er oft Sachprobleme in Personenprobleme. Inhaltlich ist für ihn und für sein Agieren die polarisierende Unterscheidung zwischen Freund und Feind wichtig. Dabei gibt es den einen Pol als die ”Wir” und den anderen Pol als ”die Anderen”. Die ”Wir” sind positiv qualifizierbar (u.a. mit konservativen Werten wie Heimat, Familie und Schutz der Familie, Patriotismus, Volkstum und Volkstumsbekenntnis, FPÖ als ”natürlicher Partner der christlichen Kirchen”). Die ”Anderen” sind die Gegner solcher Werte, u.a. qualifizierbar als ”linke Chaoten”; sie erwecken Ängste und sind eine Bedrohung.

Vom ”Wir” zum ”Super-Wir”: Die ”Wir” werden repräsentiert durch ein ”Super-Wir”, das Autorität beansprucht und auch erhält. Das ”Super-Wir” verkörpert die Hoffnungen des ”Wir”. Das ”Super-Wir” ist dem ”Guru” in charismatischen Gemeinschaften vergleichbar; es braucht und hat einen Kreis von ”Getreuen” um sich.

Die Rolle der ”Sündenböcke”: Für die Argumentation und für die Agitation ist das Suchen und Finden von ”Sündenböcken” wichtig. Ideale Sündenböcke sind Fremde und Ausländer; Misstrauen gibt es auch gegen Vertreter einer kritischen Kultur. Den Fremden wird zugetraut, dass sie Inländern Arbeitsplätze und Wohnungen wegnehmen,  dass sie das österreichische Sozialsystem ausnützen, dass sie kriminell und Drogenhändler sind. Vorurteile gegen Sündenböcke können nicht rational—kritisch aufgelöst werden, weil sie im Bereich irrationaler Gefühle verwurzelt sind, - weil sie allenfalls als Verdrängungen anzusprechen sind; hinter der Verdrängung stehen tiefenpsychologisch bekanntlich eigene, ungelöste Probleme.

Ich stelle nun abschließend die Frage: mit welchen Haltungen wäre der aktuelle Rechtspopulismus zu bekämpfen? Gegen eine demagogische Sprache stelle ich das ”Dialogische Prinzip”. Dieses qualifiziert die ”Andersheit des Anderen” grundsätzlich anders als die oben skizzierte Polarisierung. Die ”Andersheit des Anderen” bedeutet die entscheidende Herausforderung zu einem ethisch-verantwortlichen Handeln im Raume der Gesellschaft. Das ”Dialogische Prinzip” entwickelt Dialogregeln: dem Anderen wird ein fairer Dialog, allenfalls ein Kompromiss angeboten; das Gespräch steht im Zeichen echter Sachlichkeit. Und vor allem: zur Begegnung mit dem Anderen gehört die Bereitschaft zum ”Lernen” und die Bereitschaft zur Selbstkritik. Mit dem ”Dialogischen Prinzip” ist auch eine sensible Sprachkultur verbunden. Gegen eine Sprache des Ressentiments müsste - gerade auch aus christlichen Impulsen - eine Sprache der Solidarität gefunden werden, wobei es um eine ”Solidarität nach unten” (zu Randgruppen der Gesellschaft) geht.

Weiter: Die gegenwärtige Diskussionslage erfordert die Einsicht, dass die Staatsform der Demokratie immer eine Aufgabe und nicht einen verfügbaren Besitz bedeutet. U.a. ist folgender Gesichtspunkt zu bedenken: Demokratie beruht nicht nur auf arithmetisch auszählbaren Mehrheitsbeschlüssen, sondern auf zwei sich ergänzenden Aspekten: der Mehrheitsbeschluss (durch Wahlen, Abstimmungen, Parlament) ist die eine Seite, - die menschenrechtliche Orientierung ist die andere Seite. Und erst diese macht die Demokratie zur Demokratie, den Rechtsstaat zum Rechtsstaat.

An der Demokratiediskussion wird sich auch ein kritisches Christentum beteiligen. Dieses wird Formen des presbyterial-synodalen Prinzips als Aufgabe sehen, - es wird menschenrechtliche Haltungen unterstützen und dafür Initiativen ergreifen, - es wird darauf insistieren, dass Kirchenrechte und Menschenrechte korrespondieren.

Schließlich: für die angesprochenen Zusammenhänge ist an eine bestimmte gesellschaftliche Strategie zu denken, nämlich an die Strategie des Teilkonsens. Hier wäre die Redeweise vom ”kritischen Österreich” zu beachten. Gegen ein Österreich der Anpassungen (und kirchlich der schönen Worte) wäre das ”kritische Potential” der Gesellschaft zu unterstützen. Dieses gibt es hauptsächlich im Bereich der Intellektuellen und der Kulturschaffenden. Könnten Kirchen hier einen ”Teilkonsens” finden? Heute wird man sich auf das Ideal einer ”Zivilgesellschaft” als der ”besseren Demokratie” beziehen. Ich sehe in diesem Teilkonsens eine Chance gegen destruktive Elemente des Rechtspopulismus.

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Aus: Kritisches Christentum 1/2001. Erschienen am 23.1.2001, Probenummer erhältlich bei "Kritisches Christentum", Mühlgasse 25/5, 1040 Wien; krims@aon.at

 

Emer.o.Univ.Prof. für systematische Theologie H.B. Dr.Kurt Lüthi, Institut für systematische Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität Wien. Mitbegründer der Salzburger Gruppe