WARUM MAN ISRAEL MIT NAZI-DEUTSCHLAND NICHT VERGLEICHEN KANN

von Thomas Hennefeld*

 

Zum 80.Geburtstag von Erich Fried und seinem Antizionismus-Engagement  

Mehr als eine Provokation

 

Wer so einen Titel wählt, macht sich automatisch verdächtig. Denn auch nur der Anschein eines Vergleiches der beiden Systeme verursacht einen Aufschrei bei vielen Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt. Wer als Österreicher oder Deutscher Parallelen zwischen Nazis und Israelis zieht, Analogien herzustellen versucht, will das Unbeschreibliche und Unfassbare, ja will die eigene Geschichte fast immer relativieren, wenn nicht sogar leugnen.

Der renommierte Schriftsteller und Dichter, Erich Fried, der Anfang Mai 80 geworden wäre, hat sich mit seinem antizionistischen Engagement ordentlich in die Nesseln gesetzt. In seinem Gedichtband aus den 70er Jahren “Höre Israel” hat Fried nicht nur die israelische Politik seit der Staatsgründung gegeißelt und verurteilt, seine Gedichte sind auch voll mit Anspielungen und Assoziierungen zu den Nazis. Damit leistete Fried vielen Antisemiten Vorschub, die sich nur bestätigt sahen in ihrer Überzeugung: “Die Juden sind auch nicht besser als die Nazis”. Fried hat solchen Applaus von der falschen Seite in Kauf genommen, denn er war kein Taktierer, sondern radikaler Humanist und Antifaschist. Mit diesen Gedichten wollte der Dichter auf die entsetzliche Lage des palästinensischen Volkes aufmerksam machen. Seine Vergleiche sind polemisch und gefährlich. Das Bedauerliche aber ist, dass oft Menschen erst dann Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn solche Vergleiche gezogen werden. Für Fried hat der Vergleich aber nicht nur eine historisch-politische, sondern auch eine ganz persönliche Komponente. Fried stammt aus einer jüdischen Familie, sein Vater wurde bei einem Gestapoverhör zu Tode gefoltert. Viele seiner Verwandten verendeten in den Gaskammern des Dritten Reiches.

 

Nazis und Israelis sind unvergleichbar

 

Ich möchte aber hier unmissverständlich klarstellen: Die Gleichsetzung zwischen Israelis und Nazis ist unakzeptabel und abzulehnen. Sie darf nicht einmal diskutiert werden, denn das würde unweigerlich zu einer Relativierung und damit auch Verharmlosung der Shoa führen.

Selbst wenn alle Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und Tausende dabei getötet würden, hätte so ein Ereignis nicht die Qualität der Vernichtung des europäischen Judentums.

Die Tötung von Millionen Menschen, die aus rein rassistischen Motiven zur Schlachtbank gezerrt wurden, ist in Planung und Durchführung absolut einzigartig.

Glaubwürdig kann man diese Haltung aber nur dann vertreten, wenn man tatsächlich vor jedem Vergleich mit der maschinellen Vernichtung der Nationalsozialisten zurückschreckt. Davon ist man in Israel, aber auch in Europa, weit entfernt. So entsteht der Verdacht, dass es manchen Juden und Israelis nur um eine Monopolstellung geht, die ganz nach Interessenslage instrumentalisiert wird. Zwar empfinden es Israelis als verabscheuenswert, auch nur einzelne militärische Handlungen mit denen der Nazis zu vergleichen, die selben Leute finden aber nichts dabei, Arafat mit Hitler und das PLO-Hauptquartier mit dem Führerbunker in Berlin zu vergleichen, wie das der ehemalige Ministerpräsident Menachim Begin in den 80er Jahren getan hat. Bei jeder noch so geringen Bedrohung wird das Gespenst von Auschwitz an die Wand gemalt. Das ist zwar psychologisch verständlich, aber damit wird die Shoa nicht nur relativiert, sondern auch verharmlost.

Israel ist der militärisch stärkste Staat im ganzen Nahen und Mittleren Osten. In der hochgerüsteten Welt, in der wir leben, existiert ein Bedrohungspotenzial, das unseren ganzen Planeten auslöschen kann. Das kann theoretisch auch dem kleinen jüdischen Staat passieren, selbst wenn er über Atomwaffen verfügt. Aber selbst diese Auslöschung hätte eben nichts zu tun mit dem Holocaust. Es wäre ein Ende in einem militärischen Konflikt. Wie irrational aber die eigene Bedrohung gesehen wird, zeigten die Reaktionen Israels und der jüdischen Diaspora im Golfkrieg.

 

Relativierung und Verharmlosung auch in Israel

 

Die inflationäre Stigmatisierung als Nazi ist aber auch in Israel selbst nicht unbekannt. Im Gegenteil: nicht selten wurde und wird der politische oder religiöse Gegner als Nazi beschimpft. In seiner Biographie schreibt der erste Ministerpräsident Israels, David Ben Gurion, dass er, wenn er die krächzende Stimme seines politischen Rivalen Begin im Radio hörte, an Adolf Hitler denken musste.

Vielen noch gut in Erinnerung ist eine Puppe, die Ministerpräsident Rabin in SS-Uniform zeigte, weil er, nach Ansicht seiner Gegner, Israel verkauft und damit den Untergang des Judentums eingeleitet hatte.

Unter denen, die Israel zumindest indirekt mit Nazi-Deutschland identifiziert, sind auch solche, die die Naziherrschaft miterlebt hatten. So verfasste der israelische Menschenrechtsaktivist Israel Shahak eine Dokumentation, in der er nachzuweisen versucht, dass Israel von Grund auf ein rassistischer Staat ist, der Nicht-Juden schon vom Gesetz her gegenüber Juden diskriminiert und Nicht-Juden oft nicht als vollwertige Menschen betrachtet. Dabei zitierte Shahak aus der israelischen Presse und aus regierungsoffiziellen Statistiken. Shahak wuchs im Warschauer Ghetto auf und war Häftling im KZ Bergen-Belsen.

Noch direkter ist der berühmte ultrareligiöse Professor Yeshayahu Leibowitz mit der Politik Israels ins Gericht gegangen, als er wegen der Behandlung der Araber in den besetzten Gebieten Israel als “Judeo-Nazi” brandmarkte.

Diese Haltung israelischer Juden hat eine Geschichte und ist aus dem Kontext ihrer Biographie zu verstehen, sie darf auf keinen Fall 1:1 übernommen werden. Aber das heißt nicht, die Wahrheit verschleiern zu müssen, darüber zu schweigen, was heute in Israel und in den besetzten Gebieten vor sich geht.

Auch wenn uns als Österreicher jede Form von Identifizierung mit dem Dritten Reich untersagt ist, so ist es nicht verwunderlich, wenn Assoziationen bei bestimmten Vorgängen und Ereignissen entstehen.

Es sind nicht die großen Brutalitäten, die einen aufschrecken lassen, sondern kleine Details: Z. B. dass Palästinenser während der Intifada gezwungen wurden, ihre eigenen Freiheitsparolen mit kleinen Bürsten wegzuwischen, dass es rassistische Kinderliteratur gibt, wo ironischerweise Juden als blonde kräftige Helden, Araber als verschlagene, dunkelhaarige Typen dargestellt werden. Es macht nachdenklich, wenn rechtsextreme Politiker von palästinensischen Dörfern als Krebsgeschwüre reden oder von Palästinensern als Tiere auf zwei Beinen; wenn, nach dem Schriftsteller Ilan Halevi, in einer Militäreinheit Soldaten bei ihrer Fortbildung vermittelt wird, dass es die größte Kluft nicht zwischen Pflanzlichem und Tierischem, auch nicht zwischen Tierischem und Menschlichem, sondern zwischen allgemein Menschlichem und Jüdischem gebe.

Man mag anführen, dass das alles nicht wirklich repräsentativ für die israelische Gesellschaft sei und der große Teil der Bevölkerung sich von rassistischen Aussagen distanziert oder gar dafür geniert. Tatsache ist, dass gerade jetzt eine Regierung an der Macht ist, deren Mitglieder ansonsten nur in Militärdiktaturen agieren können und das Gesicht des hässlichen Israel repräsentieren: Da ist jemand Ministerpräsident, der für Massaker an unschuldigen Frauen und Kindern mitverantwortlich war, da gibt es einen Tourismusminister, der offen für die Vertreibung der Araber eintritt und einen Oberrabbiner, der zur Vernichtung von Arabern aufruft.

Die eigentliche Tragik dabei ist, dass, wenn etwas nicht mit nationalsozialistischen Gräueltaten identifiziert wird, es nicht so furchtbar sein kann. Dadurch kommt es zu einer Verharmlosung von Verbrechen, die nicht selten in völlige Ignoranz mündet.

 

Palästinenser leiden noch nicht genug

 

So drängt sich die Frage auf, ob das, was Palästinenser tagtäglich erleiden müssen an Terror, Demütigungen, Enteignungen, Zerstörungen seitens der Armee und der jüdischen Siedler, ob das alles vernachlässigenswert ist und, wie immer wieder aus westlichen Staatskanzleien, aber auch aus der heimischen SPÖ zu vernehmen ist, die Politik Israels als höchstens diskussionswürdig bezeichnet wird, oder ob es sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt, das nicht hinnehmbar ist und für das die israelische Regierung einen höheren Preis bezahlen sollte als das bisschen Kritik aus dem Westen.

Muss erst eine Vertreibung in großem Stil stattfinden, dass die Welt reagiert?

Erich Fried hat es selber in seiner Einleitung zu den Gedichten angemerkt, dass manches problematisch sei, was er geschrieben habe, aber es war genau der Aufschrei angesichts himmelschreienden Unrechts, der in der westlichen Welt kaum zu hören ist.

Bei allem Verständnis für die Situation israelischer Bürger, ihren Ängsten vor Terroranschlägen und ihrem Bedürfnis nach möglichst großer Sicherheit, sind sie doch in der Position des Überlegenen, des klar Stärkeren, des Goliath, zumindest gegenüber den Palästinensern. Vieles von dem, was jüdische Israelis befürchten, ist für viele Palästinenser tägliche Realität. Ich glaube auch, dass die Mehrheit der Menschen in beiden Völkern für Frieden und Gerechtigkeit ist, auch wenn sich im Augenblick wieder die Hardliner durchsetzen, aber es liegt doch in erster Linie bei den Stärkeren, ob in ferner Zukunft Historiker den Vergleich mit Nazi-Deutschland bemühen oder ob so ein Vergleich als primitiver Antisemitismus beiseite gewischt werden kann.

 

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*Mag. Thomas Hennefeld, Pfarrer der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Wien-West und Chefredakteur des Reformierten Kirchenblattes

Aus: Kritisches Christentum 5/2001, Probenummer: krims@aon.at