Der gegoogelte Calvin
Die mit Neugier und einer gewissen Spannung erwartete und vielfach vorangekündigte filmische Fernsehdokumentation zum Jubiläumsjahr "Johannes Calvin - Reformator und Reizfigur" ist zur großen Enttäuschung geraten. Der Kultursender Arte war schlecht beraten oder hat schlecht beraten. Nachdem vor einigen Jahren Arte bereits ein sehr gut recherchiertes und einfühlsames Calvinporträt des französischen Fernsehens gesendet hatte, wäre mehr zu erwarten gewesen. Die neuerliche Dokumentation in Zusammenarbeit mit dem ZDF und anderen ist ein Sammelsurium, das alle Zuschauer und Zuschauerinnen in ihrer jeweiligen vorgefassten Meinung bestätigen kann, so widersprüchlich diese untereinander sein sollten. Man hat den Eindruck, dass die Autoren sich zum Thema Calvin durch das Internet gegoogelt haben. Alles ist irgendwie und irgendwo dabei, das man schon einmal über Calvin oder die Calvinisten gehört hat. Vorurteile, Klischees und Missverständnisse werden in die Darstellung einbezogen wie neueste Erkenntnisse und Richtigstellungen. Kein Geringerer als Stefan Zweig darf den Kronzeugen dafür abgeben, wie es um Calvin am Tag der Hinrichtung von Servet gestanden hätte, wie er sich verkrochen habe und hinter sein Fenster geduckt. Letzteres vom Fernsehen in Szene gesetzt, damit der Eindruck nicht verblasst. Der Schauspieler Julian Mehne in einer Maske wie sie dem "Bild eines Juristen" von Arcimboldo nachempfunden scheint, das lange zeit für eine Karikatur von Calvin gehalten wurde, verstärkt das negative Calvinbild.
Einige der interviewten Fachleute bestätigten die populären nachreden. Der Heidelberger Reformationsgeschichtler Christoph Strohm darf behaupten, Calvin habe keinen Sinn für Tolerant gehabt. Die Dokumentation fährt fort mit der Würdigung einer Meisterleistung der Toleranz Calvins im Innerschweizer Konflikt, ohne dass man erfährt wie das zusammenpasst. Ch. Strohm darf auch Calvins angebliche Vorleistung für den Kapitalismus mit der Aufwertung weltlicher Berufe als Gottesdienst erklären. Das bestätigt die Dokumentation allerdings mit dem Verweis auf Max Weber (er hätte bestimmt nicht fehlen dürfen), der die ganz neue Auffassung von der Arbeit aufgezeigt hat. Das hat man aber zuerst bei Luther gelesen. Dem Schauspieler der Figur Calvin werden einige Lutherzitate ins Textbuch geschrieben, wovon nur eines als bewusster Rückgriff Calvins auf Luther gekennzeichnet wird. Besonders fatal betätigt sich der Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing in seinen Interviewausschnitten. Er weiß, dass Calvin die Strippen gezogen habe, um seinen Gegner Servet zu vernichten. Er unterstellt Calvin sogar, seine Ehe als Programm angelegt zu haben, mit dem er sich dem Zölibat widersetzen wollte. Solcherlei kann man Luther nachsagen, der Mönch und geweihter Priester war. Calvin war das nie. Unwürdig Huizings zynische Behauptung, Calvin habe das Projekt Ehe nach dem Tod seines Sohnes und seiner Frau (gottgewollte Schicksalsschläge, die seine Arbeit nicht hätten unterbrechen dürfen) ad acta gelegt und es keiner Wiederholung wert befunden.
Die Produzenten Eikon Media und Florianfilm haben in dramatische Szenen investiert ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt oder die Bedeutung für das Verständnis von Calvin. Text und Darstellung der angeblich plötzlichen Bekehrung erinnern eher an Luther und Paulus. Das Massaker der Bartholomäusnacht beendet nicht die geschickte der Reformierten Kirche in Frankreich. Erst 113 Jahre später wird das Weiterleben der Reformierten in Frankreich auf die Verstecke in den Cevennen eingeengt, nachdem es zuvor in Folge des Ediktes von Nantes zu einer gewissen Legalisierung und Stabilisierung kam.
Bilder und Off-Ton aus amerikanischen Hallenkirchen mit suggestiven TV-Predigern werden eindringlich als calvinistische Folgeerscheinung präsentiert, um zugleich die Beziehung zu Calvin in Frage zu stellen. Die Dokumentation verliert sich im Hin und Her zwischen Calvin und dem Calvinismus. Eine historische Figur, die wegen ihrer Bedeutung und Wirkung schon zu Lebzeiten Spott und übler Nachrede ausgesetzt war, ist wohl nicht besser zu verstehen durch die Brille der Epigonen.
Am unangenehmsten aber erscheinen die Spielszenen eines einsamen Calvin in leeren Kirchen, Ruinen, Kammern, Gassen oder grauer unwirtlicher Natur, der gehetzt vor sich hinredet und ein imaginäres Publikum in strengem Ton belehrt. Dem Sender wäre eine Aufführung des teatro caprile mit Albert Weltis Servet in Genf zu empfehlen gewesen. Allein die Darstellung durch Christoph Prückner sagt mehr aus über Calvin als die Informationsfetzen der Fernsehdokumentation und lässt die überkommenen Texte des leidenschaftlichen Predigers des Gotteswortes neu verstehen.
Die Dokumentation wäre angesichts dessen, dass sie nichts Neues bringt, keiner Rede wert und könnte als Sendung eines Spartensenders schnell vergessen werden. Es steht jedoch zu erwarten, dass die mitzahlenden Sender in Deutschland und der Schweiz diese auf ihren Kanälen ausstrahlen werden und eine DVD-Version womöglich zu Unterrichtszwecken angeboten wird. Sie könnte überhaupt zum Fundus für die Fernsehanstalten werden, der für jegliche Thematisierung Calvins als Beleg und Illustration herangezogen wird, wie bereits vom ORF praktiziert. Damit dürften dann allerdings die gehabten und gepflegten Vorurteile, Falschdarstellungen und Missverständnisse von Leben und Werk Calvins auf lange Zeit weiterhin fröhliche Urstände treiben.
Johannes Langhoff
Calvin-Jahr 2009
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