Der folgende Vortrag wurde beim Festakt zum Calvin-Jubiläum am 15.06.2009 in der Reformierten Stadtkirche gehalten. Prof. Dr. Emidio Campi ist Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte von der Reformationszeit bis zur Gegenwart an der Theologischen Universität Zürich.
 

«Geliebt und gefürchtet»: Johannes Calvin (1509-2009)

Emidio Campi

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr verehrte Festversammlung!

Die Evangelische Kirche Helvetischen Bekenntnisses in Österreich feiert heute das 500-jährige Jubiläum von Johannes Calvin. Das ist ein besonderer Tag. Ich bedanke mich für die Einladung zum heutigen Festakt und für die Ehre, hier und heute die Festrede halten zu dürfen. Es freut mich, dass ich Ihnen die Grüsse und Glückwünsche der ev.- reformierten Kirche des Kantons Zürich, der Kirche Huldrych Zwinglis und Heinrich Bullingers, überbringen darf. Ebenso freut es mich als gebürtigen Waldenser, die Grüsse und Glückwünsche der Waldenser Kirche, der reformierten Schwesterkirche in Italien, ausrichten zu dürfen, der sogar später als ihrer, erst im Jahr 1848, die Glaubensfreiheit zugestanden wurde. Möge die Freundschaft zwischen diesen Kirchen weiter wachsen und gedeihen und damit ganz neue Möglichkeiten für Begegnungen eröffnen.

I

Johannes Calvin war mit Sicherheit keine in jeder Hinsicht sympathische Gestalt. Er war freilich nicht der freudlose Tyrann, den Stefan Zweig aus ihm gemacht hat.[1] Aber unzweifelhaft war er ein Mann mit Ecken und Kanten. Er selber empfand genau dies als Schatten in seinem Wesen und er hat es bereut. «Ils m’ont tousiours plus craint qu’ aimé», man hat mich immer mehr gefürchtet als geliebt, sagte Calvin in seiner Abschiedsrede an die Genfer Pfarrer und fügte hinzu: „Ich habe viele Schwächen gehabt […] Ich kann allerdings wohl von mir sagen, dass ich das Gute gewollt habe, dass mir meine Fehler immer missfallen haben und Gottesfurcht in meinem Herzen Wurzeln geschlagen hat.“[2]
Was ist dran an dieser Selbstbeschreibung - “mehr gefürchtet als geliebt“? Was hat Calvin in die Waagschale der Geschichte gelegt, und welche Bedeutung hat sein Denken für die heutige Zeit? Auf diese Fragen soll in diesem Vortrag eingegangen werden.
[3]

II

Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon, in der Picardie, ca. 100 km nordöstlich von Paris, geboren. Er war somit 26 Jahre jünger als Luther und 25 Jahre jünger als Zwingli. Er gehörte, zusammen mit Heinrich Bullinger, der 1504 das Licht der Welt erblickte, eindeutig der zweiten Generation der Reformatoren an, d.h. er war – ebenso wie der Zürcher Antistes - kein Initiator der reformatorischen Bewegung, sondern fand bereits den Protestantismus in seiner Frühentwicklung vor. Nicht die „Sturmzeit“ der Reformation, sondern die mit dem Trienter Konzil beginnende Gegenreformation war der historische Kontext, in dem er lebte und wirkte.

Als Sohn eines Notars des bischöflichen Kapitels von Noyon sollte er zum Geistlichen ausgebildet werden. Aber dann änderte der Vater den Berufsplan für sein Kind. Wie bereits Vater Luther hielt er die Jurisprudenz für aussichtsreicher. Zum Studium begab sich Calvin nach Orléans, dann nach Bourges, wo er 1531 mit dem Grad eines Lizentiaten der Rechtswissenschaft abschloss.  Der Tod des Vaters befreite Calvin von dessen Forderung, Jurist zu werden. Er beschloss, seine humanistischen Studien, die er in Bourges begonnen hatte, nun intensiv zu betreiben.

Inzwischen wurde auch er, wie viele gebildete französische Zeitgenossen, von den reformatorischen Ideen Luthers erfasst. Es kam zum Bruch mit der römischen Kirche und zur Hinwendung zum neuen Glauben.[4] Aufgrund verschärfter Verfolgung floh Calvin 1535 nach Basel. Dort schrieb der fünfundzwanzigjährige anonyme Flüchtling in wenigen Monaten sein theologisches Hauptwerk, das 1536 unter dem Titel „Unterricht in der christlichen Religion“ erschien und ein grosser publizistischer Erfolg wurde. Das Buch hat mehrere Umarbeitungen erfahren, bis es 1559 seine endgültige Gestalt erhielt. Seitdem gilt es als die einflussreichste Gesamtdarstellung christlicher Lehre des reformierten Protestantismus.  

Nach einem kurzen Aufenthalt bei der evangelisch gesinnten Herzogin Renata in Ferrara führte ihn ein unbeabsichtigter Umweg im Juli 1536 nach Genf. Der dortige französische Reformator Guillaume Farel überredete ihn, in der Rhonestadt zu bleiben und als Lehrer und Organisator bei der Reformation mitzuwirken. Doch zwei Jahre später erlitt das Kirchenexperiment Schiffbruch; es kam zu einer Auseinandersetzung mit dem Stadtrat, der die beiden Fremden  als Unruhestifter ausweisen liess.

Die nächsten drei Jahre verbrachte Calvin in Strassburg als Pfarrer der französischen Gemeinde und als Lehrer an der neu errichteten Hochschule. Dieser Aufenthalt schien zunächst eine blosse Episode zu sein, begründete indes seine zweite Lebenswende vom theologischen Schriftsteller zum Reformator. Durch den Umgang mit Martin Bucer trat er in Kontakt mit der schweizerisch-oberdeutschen Form der Reformation, so dass seine bisherige Prägung durch Luther eine Veränderung und Erweiterung fand.[5] Er sammelte wertvolle pastoral-theologische und liturgische Erfahrungen, die das Fundament für die spätere Gestaltung der Genfer Kirche bildeten. Am stärksten wurde Calvins Horizont erweitert durch die Teilnahme an den protestantisch-katholischen Religionsgesprächen von Hagenau, Worms und Regensburg. Hier bildete sich der "politische Reformator", der das europäische Christentum klug überschaute. Last but not least, heiratete Calvin in Strassburg die Wallonin Idelette de Bure und bekam einen Sohn, der bald nach seiner Geburt starb.

Im Oktober 1540 beschloss der Genfer Rat Calvin zurückzuberufen. Nach langem innerem Ringen gab er nach und zog im September 1541 in die Stadt ein, die für dreiundzwanzig Jahre, bis zu seinem Tod, seine bleibende Wirkungsstätte wurde. In kurzer Zeit erarbeitete er eine Kirchenordnung, die dem ganzen Reformationswerk eine klare Gestalt geben sollte. Auf der Grundlage der Ordonnances ecclésiastiques sollte aber auch durch eine strenge Sittenzucht das ganze private und öffentliche Leben der Stadt, ja der Alltag von Schule, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft neu gestaltet werden.

Es überrascht nicht, dass solche radikalen Reformpläne Widerstand erregten, und es erstaunt noch weniger, dass deren konsequente Durchführung zu Machtkämpfen zwischen Calvins begeisterten Anhängern und seinen entschiedenen Gegnern führte. Es dauerte vierzehn Jahre, von 1541 bis 1555, bis es in dieser Sache zu einer eindeutigen Klärung kam. Es ist von daher auch zu verstehen, jedoch nicht zu rechtfertigen, wenn sich der scheue Gelehrte als zu äusserster Unbarmherzigkeit fähig erwies. Man soll nicht übertreiben und vor allem den Sinn für die Proportionen nicht verlieren, aber auch in Calvins Genf gab es Hexenverbrennungen[6], Folterungen, Verbannungen und Feuertod, wie uns die geistige Vernichtung von Sebastian Castellio und Jérome Bolsec, oder die cause célèbre des Antitrinitariers Michael Servet mahnend in Erinnerung rufen. Man hat Calvins reformatorisches Werk respektiert, aber ihn mehr gefürchtet als geliebt, mehr bewundert als verehrt. Andererseits, was auch immer man von Calvin hält, lässt es sich nicht bestreiten, dass er mit seiner unermüdlichen Tätigkeit als Prediger, Bibelexeget, theologischer Lehrer und Organisator die Genfer Reformation zur Vollendung brachte.     

Deshalb gilt Calvin auch gemeinhin als der Reformator der Stadt Genf. Gewiss war er ein Stadtreformator, wie auch Zwingli in Zürich, Oekolampad in Basel oder Bucer in Strassburg. Doch dieser Sachverhalt war für Calvin und seinen Reformationsbegriff nicht entscheidend. Er wollte zwar, dass Genf seine Reformation verwirklichte, aber die Stadt sollte die weitere Einheit der schweizerischen reformierten Kirchen fördern und als Vorbild für die weit umfassendere Reformation in Europa dienen. Entscheidend für die Ausbreitung seiner Lehre war zunächst einmal die enge Freundschaft mit Pierre Viret in Lausanne und Guillaume Farel in Neuchâtel, dann besonders mit Heinrich Bullinger in Zürich, mit dem er im Jahre 1549 den sogenannten Consensus Tigurinus unterzeichnete, der den reformierten Kirchen die einheitliche Grundlage in der Abendmahlslehre ermöglichte.[7] Historiker haben diesem Umstand wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dank neueren Forschungen können wir heute besser einschätzen, was die strategische Allianz mit Bullinger für Calvin bedeutet hat. Kaum einen ernsthaften theologischen oder kirchenpolitischen Kampf von der Schweiz über Frankreich, das Deutsche Reich, bis hinauf nach den Niederlanden hat er bestanden ohne Bullingers mehr oder weniger intensive Beteiligung.[8] Zusammen waren sie die Baumeister des reformierten Protestantismus. Entwickelte sich die lutherische Reformation - geopolitisch betrachtet - entlang der Achse Skandinavien, Wittenberg, Innsbruck, so verbreitete sich die von Calvin und Bullinger angestrebte Reformation über ganz Europa, von Madrid bis Warschau, von den Britischen Inseln bis nach Sizilien, und bald auch in der Neuen Welt. Man versteht die „Stadtreformatoren“ Calvin und Bullinger nicht hinreichend, wenn man dem supranationalen Charakter ihres Reformationswerkes nicht die angemessene Bedeutung einräumt.[9]  

Calvin starb am 27. Mai 1564 physisch erschöpft durch eine rastlose Tätigkeit, eine nahezu asketische Lebensführung und wiederholte Krankheiten. In seinem Testament hatte er es untersagt, seine Grabstätte irgendwie zu kennzeichnen. So war schon bald vergessen, an welchem Platz auf dem Friedhof von Plainpalais der Reformator seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Die theologische Bedeutung jener Entscheidung hat der Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, mit unvergesslichen Worten beschrieben: „Calvin war kein Held und eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Er wollte nur eben der erste Diener des göttlichen Wortes sein. Er wollte also weder verehrt noch gejubelt noch auch nur geliebt, sondern nur eben als Zeuge der Sache, der er sich verpflichtet wusste, gehört sein.“ [10]  

III

Als Reformator der zweiten Generation ist es Calvin gelungen, den theologischen Ertrag der ersten Generation der Reformatoren zusammenzufassen und in einer imponierenden Geschlossenheit darzubieten. Im Folgenden werde ich in der gebotenen Kürze auf zwei Aspekte seines Denkens eingehen, die von besonderem Interesse sind, weil sie Calvins Grösse und Schwäche aufzeigen, und identitätsstiftenden Charakter für die reformierte Konfession bis in die Politik und den ökonomischen Alltag hinein besitzen: die Kirchenlehre und die Sozialethik.               

Mit anderen Reformatoren teilte Calvin die Überzeugung, dass die Kirche an zwei Merkmalen erkennbar sei - der Verkündigung des Evangeliums und der Verwaltung der Sakramente. Doch das klassische reformatorische Kirchenverständnis hat er leicht abgeändert. In der Institutio heisst es: „überall, wo wir wahrnehmen, dass Gottes Wort gepredigt und gehört wird und die Sakramente nach der Einsetzung Christi verwaltet werden, lässt sich auf keinerlei Weise daran zweifeln, dass wir die Kirche Gottes vor uns haben.”[11] Bemerkenswert an dieser Formulierung ist, dass das Wort Gottes nicht „bloss gepredigt“, sondern auch „gehört“ werden soll. Calvin genügte es nicht, den Menschen zu predigen und alles weitere dem Walten des Wortes bzw. des heiligen Geistes zu überlassen. Vielmehr kam es ihm darauf an, eine Gemeinde mündiger Christen zu gewinnen, die nicht nur hören, sondern das Gehörte - sowohl individuell als auch kollektiv – in ihrem Leben auch umsetzen sollen. Das heisst, modern ausgedrückt: Die Volkskirche sollte in einem unaufhörlichen Prozess zur Bekenntniskirche werden. Calvin hat sich hierbei keinen schwärmerischen Vorstellungen hingegeben. Es gelang ihm, seine biblisch begründeten Vorstellungen in ein neues, zukunftsorientiertes kirchliches Organisationsmodell umzusetzen. So sah die Kirchenordnung vier Ämter vor: Pastoren, Lehrer, Älteste, Diakone. Dieser Gliederung entsprachen vier Aufgaben: Lehre, Zucht, Bildung, soziale Fürsorge. Darüber stand als überwachende und leitende Instanz das Konsistorium, bestehend aus einer Anzahl Geistlicher und 12 Laien, die aus den beiden politischen Gremien (dem kleinen und dem grossen Rat) ausgewählt wurden. Bedenkt man ferner, dass die Kirchenordnung grundsätzlich die Gleichrangigkeit aller Ortsgemeinden betonte und dass jeder Gemeinde das Recht zustand, die Pastoren zu wählen, so wird man verstehen, dass diese presbyterial-synodale Kirchenverfassung epochale Bedeutung erlangte  und den freiheitlichen Gedanken der Selbstverantwortung gefördert hat.

Für die Gestaltung christlichen Lebens über den Gottesdienst hinaus nahm die Kirchenzucht einen breiten Raum ein. Dazu kamen Bestimmungen über die Regelung des gesamten privaten und öffentlichen, des geselligen und kulturellen Lebens. Obwohl der Erfolg dieser Kirchenzucht für die Sozialdisziplinierung der Bevölkerung durch eine Reihe von eindrücklichen Zahlen belegt wird, liesse sich Manches, auch sehr Kritisches, über diesen Eingriff des kirchlich-staatlichen Konsistoriums ins Privat- und Familienleben einwenden. Aber unbeschadet aller fälligen historischen Differenzierungen ist dieses mit Nachdruck verfolgte presbyterial-synodale Kirchenmodell eine kreative Quelle von theologischen, rechts- und staatspolitischen  Impulsen geworden. Erstens, weil die Kirche nicht als eine hierarchisch-sakramentale Institution verstanden wird, sondern viel mehr als ein lebendiger Organismus, oder wie Calvin mit Vorliebe sagte, als die "compagnie des fidèles", eine Gemeinschaft des gegenseitigen Helfens, Tragens und Dienens. Zweitens, weil damit Calvin etwas gewagt hat, was weder Luther noch Bullinger gelungen ist: eine verbindliche Kirchenverfassung jenseits und ohne Schutz der Obrigkeit aufzubauen und zu verantworten. Gewiss liegen auch bei Calvin wie bei Luther oder Bullinger die beiden Bereiche nicht beziehungslos nebeneinander, weil sie denselben Herrn haben und unter Gottes Wort stehen. Eine von Staates Gnade und im Auftrag des Staates handelnde Kirche ist jedoch für ihn unmöglich. Über kirchliche Angelegenheiten entscheidet die Kirche selbst. Dafür hat sie die "ordonnances écclesiastiques", die Zucht, das Konsistorium.[12] Dies erwies sich langfristig gesehen sowohl im geistlichen als auch im politischen Bereich als zukunftsweisend und hat immer wieder im Lauf der Geschichte, zuletzt im 20. Jahrhundert, geholfen, eine Vereinnahmung der Kirche durch den Staat beziehungsweise eine Klerikalisierung des Staates abzuwehren.

Dies führt zum zweiten Aspekt: Calvins Sozialethik.[13] Schon in seiner ersten Eingabe an den Genfer Rat vom 16. Januar 1537 hatte Calvin den für ihn sehr bezeichnenden und für seine Reformation programmatischen Satz geschrieben: "Wir denken unsrerseits unser Amt nicht von so engen Grenzen umgeben, dass, wenn die Predigt zu Ende ist, unsere Aufgabe erfüllt wäre."[14] So ist es denn nicht zufällig, dass er sich ständig bemüht, in der Institutio wie in seinen Predigten, in seinen gelehrten Bibelkommentaren wie in den Katechismen bis hin zu den Streitschriften Lehre und Leben, Wort und Werk in Übereinstimmung zu bringen.[15]

Es ist mit Recht behauptet worden, dass die Vorsehung Gottes das Fundament der Ethik Calvins darstellt.[16]  Die göttliche Providenz bedeutet nichts anderes als Gottes wirksame fürsorgliche Treue in der Erhaltung der Welt  wie der einzelnen Kreatur. Doch das Vertrauen auf Gottes gnädige Vorsehung kann nach Calvin nicht Vorwand zur Untätigkeit  des Menschen sein.  Der Herr unseres Lebens hat uns auch die Sorge für unser Leben anvertraut, Verstand und Mittel gegeben, es zu erhalten, uns mit den Gefahren bekannt gemacht, die es bedrohen, damit  uns jene Gefahren nicht unversehens überfallen. Weit entfernt davon, die Entscheidung des Menschen unnötig zu machen, ruft gerade die Vorsehung den Menschen zum Glaubensgehorsam auf.  Diese menschliche Antwort, die wir modern Ethik nennen, lässt sich am besten mit zwei Begriffen zusammenfassen: Unterscheidungsvermögen und Verantwortung.  

Was heisst das beispielsweise im Blick auf Eigentum, Arbeit und soziale Gerechtigkeit? Zunächst hält Calvin fest, dass die Güter dieser Erde dazu bestimmt sind, menschliches Leben möglich zu machen. Gott gibt uns nicht nur das zum Überleben Erforderliche, sondern sorgt dafür, dass das Leben auf dieser Erde Freude bringen kann. Er ist sich allerdings zugleich dessen bewusst, dass irdische Güter zur Versuchung und zur Fessel werden können.[17] Es kommt also darauf an, den schmalen Pfad zwischen dankbarem Gebrauch und Masslosigkeit zu erkennen. Es gehört zum Respekt vor Gottes Gaben, nicht mehr in Anspruch zu nehmen, als das, was Gott uns zuteilt. So bejaht Calvin das Recht auf Eigentum, aber verbunden mit der Pflicht gerechter Verteilung. Calvin hätte jedes System entschlossen bekämpft, das soziale Ungerechtigkeit als Gegebenheit hinnimmt, denn in seinen Augen ist soziale Ungerechtigkeit eine Beleidigung des Schöpfers.

Diese Grundansicht, dass Gottes Gaben allen Menschen zuteil werden sollen, führt Calvin wie Luther und Zwingli zu dem, was später als protestantisches Arbeitsethos bezeichnet wird. Die Arbeit gehört zur Berufung des Menschen. Wir haben uns um unseren Lebensunterhalt zu kümmern; es gibt aus dieser Sicht keinen Platz für Müssiggang oder Bettelei. Calvin verlangt für die Arbeitslosen Bildung und Weiterbildung. Aber damit diese ausgeprägte Wertschätzung der Arbeit nicht zur Tyrannei wird, formuliert Calvin weitreichende regulierende Grundsätze. So soll beispielsweise die Arbeit nicht auf die Anhäufung von Reichtum hinzielen, sondern darauf, die eigenen Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. [18]

Wie bei Eigentum und Arbeit bejaht Calvin grundsätzlich den Handel und den Austausch von Gütern. [19] Handel zu treiben ist Teil der Ordnung der Natur und darum ein ehrenwerter Beruf.  Handel ist allerdings ein gefährliches Unternehmen und kann dem gemeinen Wohl nur dienen, wenn er klaren wirtschaftsethischen Grundsätzen unterworfen wird.[20] Aus dieser Perspektive sind auch Calvins Äusserungen über das Zinsnehmen zu verstehen.[21] Im Gegensatz zu Generationen von früheren Theologen hat Calvin das Zinsnehmen unter bestimmten restriktiven Bedingungen für zulässig erklärt. So schliesst er von vornherein Darlehen aus, durch die Arme und Bedürftige ausgebeutet werden (was eigentlich das Anliegen des alttestamentlichen Zinsverbotes war). Calvins Äusserungen öffnen also dem Zinsnehmen nicht einfach Tür und Tor, sondern sind ein Versuch, eine neue wirtschaftliche Gegebenheit mit dem göttlichen Willen in Einklang zu bringen. Dies sei ausdrücklich gegen die angebliche Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus bzw. freier Marktwirtschaft gesagt.  „Soziale Marktwirtschaft“ wäre sicherlich eine zutreffende Bezeichnung  für Calvins Gesellschaftspolitik. Sie ist geprägt von verantwortlicher Freiheit und der Überzeugung, dass alle Güter aus Gottes Hand stammen und der ganzen Volkswirtschaft zugute kommen sollen.[22]

IV

Wie relevant sind diese wenigen Blitzlichter von Calvins Denken für die heutige Zeit? Was hat er uns angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Krise der Gegenwart zu sagen? Wer eine Antwort auf diese Fragen erwartet, wird enttäuscht sein. Ich werde kein in diese Richtung zielendes Plädoyer halten. Und das deshalb, weil mir die Voraussetzungen dafür fehlen. Genausowenig wie die Bibel spricht Calvin direkt in unsere heutige Situation hinein. Die Probleme, denen wir heute ausgesetzt sind, bestanden zu seiner Zeit nicht in derselben Form. Wollen wir nach Calvins Bedeutung für die Gegenwart fragen, dann ist ein Schritt zurück notwendig: zurück aus dem Feld ethischer Fragestellungen in den Bereich, in dem sich vor der Frage nach dem menschlichen Handeln die Frage nach dem menschlichen Sein stellt: „Was sind wir Menschen?“ 

Calvin - so viel dürfte wohl klar geworden sein - ist weder der „Vater der Moderne“ noch der „finstere Zuchtmeister“, der die Stadt Genf tyrannisierte, sondern ein Kind seiner Zeit, der Zeit der grossen Erfindungen auf technisch-naturwissenschaftlichem Gebiet, der überseeischen Entdeckungen, der Formierung des frühmodernen Staates. Es ist die Zeit von Nicolaus Kopernikus und Thomas More, Palestrina und Michelangelo, Rabelais und Cervantes, Holbein und Cranach. Er erkannte mit Scharfsicht, dass neue Entwicklungen eingetreten waren. Er sah sich Menschen gegenüber, die zu neuer Selbstentfaltung fähig geworden waren. Ihm ging es darum, dieses Neue im Sinne von Gottes Absicht und Willen zu meistern. Was ihn bewegte, war das Bemühen, das Leben so wie er es zu seiner Zeit erfuhr, Gottes Willen unterzuordnen. Seine Antwort lautete eindeutig: Der Mensch ist darauf angelegt, in der Unterordnung unter Gott zu leben; einzig in der Unterordnung unter ihn ist er in vollem Sinne Mensch. Rücksichtslose Selbstverwirklichung lädiert mit Notwendigkeit das Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen und geschichtlichen Umwelt und erst recht sein Verhältnis zu Gott. Der Masslosigkeit in allem Tun und Suchen des Menschen gilt es zu widerstehen.

Calvins Relevanz für uns heute besteht darin, diese Einsicht radikal vertreten zu haben. Die Menschheit hat neue Fähigkeiten gewonnen. Sie hat sich weit über jene Anlagen hinaus entfaltet, die ihr in früheren Jahrhunderten eigen zu sein schienen. Ihre Herrschaft über die Schöpfung hat sich ausgedehnt. Das Projekt der Moderne ist aber zugleich problematisch geworden, seine selbstzerstörerischen Tendenzen sind nicht mehr zu übersehen. Obwohl der  Mensch sich nicht oder nur schwer damit abfinden kann, muss er sich zurücknehmen. Was er gerade in diesem Jahr 2009, einem Jahr der Angst um gefährdete Sicherheiten, der Wirtschafts- und Klimakrise, erfährt, müsste ihn zur Vernunft bringen.

Calvin ruft den Menschen, auch den heutigen Menschen, dazu auf, zum rechten Mass zurückzufinden, das Gott ihm gesetzt hat. Das von Gott begrenzte Dasein ist alles andere als des Menschen Bedrohung. Es ist vielmehr des Menschen schöpferische Chance. Diese tröstliche Wahrheit, so unvollkommen vieles in der Durchführung auch geblieben sein mag, macht ihn auch nach 500 Jahren noch zu einem „gefürchteten und geliebten“ prophetischen Mahner.

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[1]Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt, Wien 1936.

[2] Zitiert nach Calvin-Studienausgabe Band 2: Gestalt und Ordnung der Kirche, hg. v. E. Busch u.a., Neukirchen-Vluyn 1997, 299.

[3] Der Stoff ist für einen halbstündigen Vortrag ungemein reichhaltig. Also muss meine Kunstfertigkeit zu einem guten Teil darin bestehen, recht viel weg zu lassen. Als ergänzende Lektüre empfehle ich die kurzen Biographien von Peter Opitz, Leben und Werk Johannes Calvins, Göttingen 2009,  Herman J. Selderhuis, Johannes Calvin. Mensch zwischen Zuversicht und Zweifel. Eine Biographie, Gütersloh 2009, Christoph Strohm, Johannes Calvin. Leben und Werk des Reformators, München 2009, die in kompakter Form einen umfassenden Überblick über den neuesten Stand der Forschung bieten.  Siehe ausserdem  Bruce Gordon, Calvin, New Haven – London  2009. Einen etwas leichteren Zugang zum Reformator bietet Christopher Elwood, Calvin für zwischendurch, Göttingen 2007. Sehr empfehlenswert als Einführung in die Theologie Calvins ist das Buch von Eberhard Busch, Gotteserkenntnis und Menschlichkeit. Einsichten in die Theologie Johannes Calvins, Zürich 2005.

[4] Ausdruck dieses tiefen Gesinnungswandelns ist seine Vorrede zur ersten reformatorischen Bibelübersetzung ins Französische durch seinen Cousin Pierre Robert Olivetan, die die Waldenser 1530 in Auftrag gegeben hatten. Es handelt sich um eine formvollendete Ansprache an alle, „die Christus und sein Evangelium lieben“ (à tous les amateurs du Christ), eine Verteidigungsschrift der Reformation und der verfolgten Christen., Siehe dazu Wilhelm H. Neuser, Johann Calvin – Leben und Werk in seiner Frühzeit. 1509-1541, Göttingen 2009, 160-185.

[5] Vgl. Matthieu Arnold, „Calvin und Strassburg“, in Herman J. Selderhuis, Calvin Handbuch, Tübingen 2008, 74-78;  In die Strassburger Zeit gehört der Petit Traité de la Saint Cène (1541), das abendmahlstheologische Juwel der Reformationszeit, in dem Calvin die Trennung zwischen Lutheranern und Zwinglianern zu überwinden versuchte.

[6] Was schon frühere Quellen belegten (siehe Oskar Pfister, Calvins Eingreifen in die Hexer- und Hexenprozesse von Peney 1545 nach seiner Bedeutung für Geschichte und Gegenwart, Zürich 1947)  tritt bei Volker Reinhard, Die Tyrannei der Tugend . Calvin und die Reformation in Genf, München 2009 noch mehr in den Vordergrund.

[7] Siehe dazu Emidio Campi, Ruedi Reich, Consensus Tigurinus. Die Einigung zwischen Heinrich Bullinger und Johannes Calvin über das Abendmahl. Werden, Wertung, Bedeutung, Zürich 2009.

[8] Dies mag man schon daran erkennen, dass Calvin es für nötig hielt, während seiner Amtszeit fünfmal allein die beschwerliche Reise nach Zürich anzutreten, um seinen Freund Bullinger um Rat zu bitten. Ausführlich dazu Wilhelm Kolfhaus, Der Verkehr Calvins mit Bullinger, Leipzig 1909, 42; Arnold Ruegg, Die Beziehungen Calvins zu Bullinger und der von ihm geleiteten zürcherischen Kirche, Zürich 1909, 79; Emidio Campi, Christian Moser, „ «Geliebt und gefürchtet»: Calvin und die Eidgenossenschaft“, in  M. E. Hirzel, M. Sallmann (Hg.), 1509 – Johannes Calvin – 2009. Sein Wirken in Kirche und gesellschaft. Essays zum 500. Geburtstag,  Zürich 2009,  29-51.

[9] Vgl. Heiko A. Oberman, Zwei Reformationen, Luther und Calvin – Alte und Neue Welt, Berlin 2003, 151, der aber die Bedeutung Bullingers völlig ausblendet.

[10] Karl Barth, „Zum 400. Todestag Calvins“, in Evangelische Theologie, 24, 1964, 225.

[11] Inst. IV.1.9. In der Confessio Augustana, Art. 7, wird die Kirche definiert als „congregatio sanctorum, in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta ", in: BSLK, 61.

[12] Siehe dazu Emidio Campi, “Calvin’s understanding of the Church”, in Reformed World 57, 2007, 290-305.

[13] Siehe dazu Günther H. Haas, „Ethik und Kirchenzucht“, in Herman J. Selderhuis, Calvin Handbuch, Tübingen 2008, 326—338; Eric Fuchs, „Calvins Ethik“, in M. E. Hirzel, M. Sallmann (Hg.), 1509 – Johannes Calvin – 2009, 183- 200, Zürich 2009, 183-199; Christoph Stückelberger, „Calvins Wirtschaftsethik“, in  Annex. Das Magazin der Reformierten Presse Nr. 7 /2009, 17-18.

[14] Artikel zur Ordnung der Kirche (1537), CStA 1, 109ff.

[15] Siehe die Kapitel 6 bis 10 des III. Buches der Institutio. Diese  beschreiben das „Leben eines Christenmenschen“. Sie fanden in seiner Zeit ein so gewaltiges Echo, dass sie als Teiledition unter dem Titel Abhandlung vom christlichen Leben zu einem Best- und Longseller wurden.

[16] Fuchs,  „Calvins Ethik“, 184. Dem Thema widmet Calvin das ganze Kapitel I, 17 der Institutio, das deutlich erkennen lässt, dass die Vorsehungslehre praktisch gerichtet ist.

[17] CO 27, 402 : « Il faut bien user des maisons comme de toutes autres commodités de la vie présente que nous ne facions point scrupule de toutes choses : mais cependant gardons-nous de lascher la bride à notre chair, afin de contenter selon les convoitises : car c’est un abysme, et iamais nous n’en pourrions venir à bout. »

[18] André Bieler, La pensée économique et sociale de Calvin, Genève 1961, 391 ff.

[19] Vgl. dazu Lukas Vischer, „Reich, bevor wir geboren wurden. Zu Calvins Verständnis der Schöpfung“, in http://www.calvin09.org/media/pdf/theo/Calvin_III_LukasVischer.pdf  sowie in M. E. Hirzel, M. Sallmann (Hg.), 1509 – Johannes Calvin – 2009, Zürich 2009, die Beiträge von Ulrich H. J. Körtner, „Calvinismus und Kapitalismus“, 201-218, Christoph Strohm, „Calvin und die religiöse Toleranz“, 219-236, Mario Turchetti, „Der Beitrag Calvins und des Calvinismus zur Entstehung der modernen Demokratie“, 237-266.

[20] Bieler, La pensée économique et sociale,  449 ff.

[21] Ebd., 453 ff.

[22] Siehe beispielsweise Calvins  200 Predigten zum Deuteronomium  (CO 25-29) oder den Kommentar zur Synopse der Mosebücher  (CO 24), wo Calvins Sensibilität für die Tragweite der sozialen Fragen mit Händen zu greifen ist.

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