| Kirchen
ohne Kreuz von Kurt Lüthi* |
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Oft
gibt es die erstaunte Frage an die Reformierten: Warum Kirchen ohne Kreuz? Warum
Kirchen ohne Kruzifix? Und warum eigentlich Kirchen so bilderlos? Und auch:
warum bekreuzigt man sich bei heiligen Handlungen nicht? In jeder christlichen
Kirche gibt es Kreuzestraditionen, die man pflegt und hochhält. Denn: das Kreuz
symbolisiert ja den Gekreuzigten, den Schmerzenmann. Im Lied singen wir: „O
Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott
gebunden mit einer Dornenkron’ ...“.
Verteidiger
des Kreuzes sagen mit Recht, dass das Kreuz zu den Ursymbolen der Menschheit gehört;
sie sagen, dass im Kreuz Archetypisches erscheint. Kreuze gibt es überall: in
Mythen, Märchen, Träumen, in den großen Erfahrungen des Menschlichen zwischen
Leben und Tod. Und indem Symbole sprechen, ist die Kreuzesform eine Form die “anspricht“.
Da ist ein Mittelpunkt, aus dem mit Balken eine Vier-Einheit (eine Ganzheit)
entsteht. Da gibt es die harmonische Kombination der Waagrechten und der
Senkrechten. Deutungen sprechen von der “Vereinigung der Gegensätze“. Und
in Deutungen bezieht man sich auf die vier Himmelsrichtungen oder man spricht
von den vier Grundelementen Feuer, Wasser, Erde, Luft. Nochmals: das Kreuz ist
ein Symbol, das spricht und anspricht und nach Paul Tillich uns in die “Tiefe
des Seins“ führt. Die Kreuzessymbolik lebt auch in der christlichen Kunst.
Wer bewundert nicht die Ikonen der Ostkirchen? Wer bewundert nicht die künstlerischen
Kreuzesgestaltungen der Romanik, der Gotik, der Renaissance und des Barock? Ein
Beispiel: Die Gotik baute von einem Grundriss aus kreuzförmige Kirchen, wobei
das Kreuz in die Länge gezogen wurde.
Und
nun gibt es Kirchen ohne Kreuz. Warum? Hier der Versuch einer Antwort. Für die
reformierte Kirche und für die reformierte Theologie hat das Alte Testament
einen hohen Stellenwert. Darum beachtet sie auch das Bilderverbot: „Du sollst
dir kein Bildnis machen“. Das Alte Testament orientiert sich in diesem
Zusammenhang religionskritisch. Es lehnt Bilder als Repräsentanten Gottes ab.
Der Gott Israels ist unsichtbar und entzieht sich Bildern, die von
Menschenhand geschaffen wurden. Das Bilderverbot richtet sich gegen das Kultbild
im Sinne der Fruchtbarkeitsreligionen der Umwelt Israels: Jahwe soll nicht Baal
sein, - Jahwe ist auch nicht im Stierbild (im goldenen Kalb) fassbar. Diese
Kritik des Alten Testaments wird dann in der Reformation wieder lebendig. In
dieser Epoche gab es sogar den Bildersturm, die Zerstörung heiliger Bilder.
Allerdings: der Reformator Zwingli wollte, wie er sagt, weder zu den “Schwärmern“
noch zu den “Stürmern“ gehören. Sein Rat: man soll die Bilder “mit Züchten
hinwegtun“. Nicht Zerstörung der Bilder, sondern obrigkeitlich angeordnetes
Wegtragen. Und so hat man es in Zürich auch gehalten. Resultat mit Zwinglis
Worten: jetzt gibt es in Zürich “gar helle Tempel“ mit “hübsch wyssen Wänden“.
Vom Standpunkt einer Kunstkommentierung kann man sagen: Vereinfachung bedeutet Läuterung.
- Calvin findet im Bilderverbot einen positiven Sinn: Gott legt die Form seiner
Offenbarung fest, die Form ist “Unsichtbarkeit“. Für Calvin gilt: Gott ist
Geist (das ist auch der Ansatz seiner Abendmahlslehre). Ein Resultat der
Reformation mit Zwingli und Calvin: „Das Wort (und nicht mehr das Bild) ist
unser Lehrer“. Damit: Vorrang der Verkündigung und der Predigt. - Hier noch
ein Blick zurück und ein Blick nach vorn. Im Blick zurück geht es um Luther.
Nach Luther sind Bilder für die ethische Beurteilung “adiaphora“. Das heißt:
sie sind weder gut noch böse und darum brauchbar oder nicht brauchbar.
Brauchbar sind sie als “biblia pauperum“ (als Belehrung für die Laien).
Allerdings: das Wort ist deutlicher als das Bild, darum sollen Bilder durch die
Predigt begleitet werden. Und weiter eine inhaltliche Aussage Luthers: das beste
Bild Gottes ist der menschgewordene Christus (die Unterscheidung “sichtbar“
und “unsichtbar“ gehört nicht zur Tradition Luthers). Entscheidend ist, ob
Bilder zu Gott führen oder von Gott wegführen. Die Position Luthers erlaubt
Bilderfreundlichkeit in den Kirchen, - sie erlaubt auch das Kreuz in den Kirchen.
Dann ein Blick nach vorn. Damit geht es um das “Zweite, Helvetische
Bekenntnis“. Zum Thema zwei Zitate: „Damit aber die Menschen im Glauben
unterwiesen und über göttliche Dinge und ihre Seligkeit belehrt werden, hat
der Herr befohlen, das Evangelium zu predigen (Mk. 16, 15),
aber nicht zu malen oder mit Malerei das Volk zu lehren ... Zweifellos ist
da keine Religion, wo ein Bild ist“. Und: „Da ja Gott unsichtbarer Geist und
unendliches Wesen ist, kann er auf keinerlei Weise und auch durch kein Bild
dargestellt werden, weshalb wir uns nicht scheuen, mit der Heiligen Schrift
Darstellungen Gottes bare Lüge zu nennen ...“. Noch eine Anmerkung: auch die
reformierte Tradition hat keine antikünstlerischen Konsequenzen; man denke an
das Hugenottenkreuz mit der Taube als Symbol des heiligen Geistes.
Frage:
Ist das Bilderverbot für heutiges Denken noch aktuell? Der Schriftsteller Max
Frisch hat einen neuen Sinn des alten Bilderverbots gefunden. Zitat aus seinem
“Tagebuch“: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade vom Menschen, den wir
lieben, am mindesten aussagen können, wie er ist ... Die Liebe befreit aus
jeglichem Bildnis. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
Auch
wir sind die Verfasser der Anderen; wir sind auf eine heimliche und
unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen ... Du
sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem
Sinn gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar
ist“. Und ein Zitat aus dem Roman “Stiller“: „Nicht umsonst heißt es in
den Geboten: Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist Sünde. Es ist
genau das Gegenteil von Liebe“. - Ist das Bilderverbot noch aktuell, - eine
zweite Antwort. In vielen, aktuellen Kunsttendenzen verschwindet das Bild als
Abbild; es wird abgelöst von der Abstraktion. Der Künstler arbeitet mit
Vereinfachungen, Reduktionen, Kombinationen zwischen Farbflächen; er arbeitet
mit Geometrisierungen und Ornamentalisierungen; er kombiniert Waagrechte und
senkrechte Linien; es entstehen Strahlenbündel aus einer Mitte usw.. Heutige
Bildtitel sprechen eine neuartige Sprache: „Schwarzes Viereck auf weißem
Grund“ (Malevitsch), „Schwarz in Schwarz“ (Rodschenko). Von Newmann gibt
es einen Zyklus „Kreuzweg-Stationen“(ohne erkennbares Kreuz). Der Theologe
Horst Schwebel stellt die Frage: „Ist die abstrakte Malerei der große
Bilderstürmer?“
Ich schließe mit einem Hinweis: eine starke Tendenz zur Reduzierung, Vereinfachung, Armut bestimmt heute auch den Kirchenbau. Heutige Kirchen sind kahl, schmuck- und bilderlos. Heutige Kirchen sind oft klein in der Umgebung großangelegter Wirtschaftsprojekte (Beispiel: UNO-City, Wien). Eine Frage zum Thema: Ist auch die Kirche der Zukunft “Kirche ohne Kreuz“?
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Reformiertes
Kirchenblatt 3/02
*Emer. o.Univ.Prof. Dr.Kurt Lüthi (1923-2010), lehrte am Institut für systematische Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität Wien und war 1966/67, 1971/72 und von 1979 bis 1981 deren Dekan.