Typisch evangelisch

Ein "Steckbrief" der Reformation

von Balázs Németh*

 

 

Alle Geschichtsbücher bestätigen, dass in Europa nach der reformatorischen Erneuerung durch Luther, Zwingli und Calvin in vielen Landstrichen fast die gesamte Bevölkerung innerhalb einer Generation evangelisch geworden ist. So wurden z.B. im 16. Jahrhundert neun Zehntel der Österreicher evangelisch. Da taucht die berechtigte Frage auf: was hat die reformatorische Bewegung so anziehend und attraktiv gemacht?

Ein Argument lautet, dass Landes- und Grundherren sich eine Vergrößerung ihrer Güter durch den Übertritt zum evangelischen Glauben ausgerechnet haben, indem sie ihre Hände auf die früheren Kirchengüter legen konnten. In ihrem Schlepptau wurden dann die hörigen Leibeigenen ebenfalls evangelisch. Dieses Argument ist zum Teil berechtigt, kann aber die grundsätzliche Frage nicht zur Gänze beantworten. Da sind vor allem solche evangelische Grunderkenntnisse mit im Spiel, deren Konsequenzen auf breite Bevölkerungsschichten sehr anziehend und einleuchtend wirkten.

Als erster wichtiger Anziehungspunkt ist die Erkenntnis zu nennen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und niemand behaupten kann, dass er auf Grund einer bestimmten Weihe näher zu Gott stünde. Daraus wurde in jener Zeit nicht der Anspruch auf gesellschaftliche Gleichheit herausgehört - er kam erst mit der Aufklärung - sondern die Feststellung, dass der Pfarrer/Priester auf derselben Ebene vor Gott steht wie der Laie d.h. der Nicht-Pfarrer. Daher braucht der Laie nicht mehr die Vermittlung von Priestern, Heiligen und Maria, was den Zugang zum Glauben betrifft, sondern er selbst steht unmittelbar vor dem Angesicht Gottes. Aus dieser Aufwertung des einfachen Gläubigen sind wichtige Kennzeichen der evangelischen Kirche erwachsen: das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, das Feiern des Abendmahls unter beiderlei Gestalt - wobei der Wein nicht nur dem Priester vorenthalten ist - und das Recht der Gläubigen auf die Wahl ihrer Pfarrer, die die bischöfliche Bestellung ablöste.

Die Gleichheit vor Gott beruht auf der gemeinsamen reformatorischen Entdeckung, die sowohl die Grenze als auch die Mitte des Glaubens bildet, dass Jesus Christus uns erlöst und nur allein Er unsere Rechtfertigung vor Gott bewirkt hat. Deshalb ist der Mensch frei, ganz gleich welchem Stand er angehört. Das heißt, er ist auch befreit von der Sorge um gute Werke und um religiöse Leistungen. Er ist nicht mehr auf sie angewiesen als Mittel zur Erlangung des eigenen Heils. Der Mensch konnte aufatmen.

Nicht mehr religiöse Leistungen - wie Fasten, Wallfahrten, Bußleistungen, Heiligenverehrung, Beichtpflicht oder fromme Stiftungen - waren entscheidend für das Heil, sondern der Glaube, dass ich in der Hand Jesu bin, aus der mich niemand herausreißen kann, denn Jesus hat für meine Sünden vollkommen Genüge getan - wie der Heidelberger Katechismus in Frage 1 betont.

Die Hebung der Würde des Menschen hatte zur Folge, dass er nicht mehr als Spielball oder Objekt behandelt werden konnte - daher bekämpfte Zwingli auch das Söldnerwesen; daher lehnten viele evangelische Synoden die verbreitete mittelalterliche Anschuung ab, die den Frauen eine Seele absprachen, und daher sympathisierten viele Evangelische mit den sozialen und rechtlichen Anliegen der Bauernschaft.

Viele Kritiker haben in der Reformation eine Demontage, Verarmung und Entleerung der Kirchen, aber auch der Kultur und der Volksfrömmigkeit gesehen. Die Feiertage wurden radikal reduziert. Kirchenraum, Gottesdienst und Liturgie wurden "entschmückt", und viele alte Bräuche - wie Wallfahrten, Heiligen- und Patronatsfeste - verschwanden. In Wirklichkeit waren diese Maßnahmen aber keine Verarmung, sondern ein Gewinn an Tiefe, an Konzentration auf das Wesentliche und gerade das Herausholen des christlichen Glaubens aus dem kirchlich-religiösen Raum in das weite Feld des täglichen Lebens.

Das führt uns zu einem weiteren Anziehungspunkt der Reformation. Dieser bestand darin, dass die Reformatoren die Welt nicht mehr als ein Jammertal ansahen, sondern sie als Schöpfung Gottes bejahten und in ihr den Ort der Bewährung des Glaubens der Christen erblickten. Die Kirche ist der Welt nicht übergeordnet, und die große Grenze verläuft nicht zwischen Kirche und Welt, sondern zwischen Christ-sein und Nicht-Christ-sein - sowohl in der Welt als auch in der Kirche.

Es war sehr entscheidend, dass nach evangelischer Erkenntnis Religion nicht in der Weltabgeschiedenheit der Klöster quasi auf einer höheren Stufe gelebt werden kann, sondern dass der weltliche Beruf eines Handwerkers, eines Landwirtes oder eines Lehrers genauso eine Berufung von Gott darstellt wie die Berufung zu einem Geistlichen, wenn er im Gehorsam gegen Gott und zum Wohle der Nächsten ausgeübt wird. Der Begriff "Berufung" für einen weltlichen Beruf wurde geboren.

Die folgenden Worte Luthers blieben nicht ohne Widerhall: "Knecht und Magd, wenn sie tun, was ihre Herrschaft sie heißt, so dienen sie Gott, und sofern sie an Christum glauben, so gefällt es Gott, wenn sie die Stube kehren, mehr als der Mönche Fasten...So wird die ganze Welt voll Gottesdienst sein. Denn ein Knecht im Stall, eine Magd in der Küche, ein Knabe in der Schule, die wären Gottes Knechte. Also würde ein jedes Haus eine rechte Kirche sein."

So gewannen Beruf und alltägliche Arbeit an Bedeutung und Wertschätzung, wenn sie zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Nächsten getan werden. Sicherlich führten diese Kennzeichen zu mehr Fleiß und Arbeitsdisziplin und auch zu moralischer Strenge. So wird die Arbeit zum Gottesdienst im Alltag, und das hatte u.a. auch eine wirtschaftliche Entwicklung zur Folge. Besonders im reformierten Bereich wurde die Bejahung des Weltlichen und des Wirtschaftlichen nicht nur als Angelegenheit des Einzelnen in seinem Beruf auf dem Arbeitsfeld gesehen, sondern daraus resultierten auch bestimmte strukturelle Konsequenzen. So hat z.B. Calvin das Zinsnehmen nicht mehr tabuisiert, sondern im Interesse der sozial Schwachen die Einführung eines bindenden Höchstzinssatzes verlangt, damit Wucherzinsen und abgedrängte Schwarzmarktmachinationen verschwinden. 

Den dritten Ansatzpunkt der reformatorischen Anziehungskraft bildete die Aufwertung der Ehe, die einem klösterlichen Leben in Keuschheit auf keinen Fall untergeordnet ist. Ein Christ kann die Fülle des Glaubens haben - betonen alle Reformatoren - auch in der ehelichen Gemeinschaft. Nicht klösterliche Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit entscheiden über den Wert des Christseins, sondern die Art und Weise der Lebensführung - so auch in der Ehe. Die verheirateten evangelischen Pfarrer haben damit ein starkes Signal gesetzt in Richtung Aufwertung der Ehe, und sie haben damit ein wesentliches Kennzeichen der evangelischen Kirche markiert.

Die Reihenfolge in der Sinngebung der Ehe wurde im Vergleich zu früheren Zeiten total umgedreht. Die neue Reihung lautete: Gemeinschaft von einem Mann und einer Frau, die beieinander wohnen, einander helfen, Unreinheit vermeiden, Kinder zeugen und erziehen. Früher stand die Kinderzeugung im Vordergrund als einzige "Entschuldigung" für eheliche Gemeinschaft und Sexualität in der Ehe.

Es wäre allerdings verfehlt zu glauben, dass die neue Aufwertung der Ehe und eine gewisse Abwertung des mönchischen Ideals zu Freizügigkeit führte, wie ein Vorwurf damals lautete. Durch die Anerkennung der Reinheit der Sexualität in der Ehe wurde jegliche außereheliche Verbindung verurteilt und abgelehnt, was früher in dieser Form nicht der Fall war. Die große Zäsur verlief nun nicht mehr zwischen Enthaltsamkeit und jeglicher Form von Sexualität, sondern zwischen außerehelicher und ehelicher Verbindung. Sexualität ist nur in der Ehe rein, lautete das evangelische Urteil. Als Folge dieser neuen Eheauffassung wurde die im Mittelalter stark verbreitete und alltägliche Prostitution heftig verurteilt und radikal zurückgedrängt, und moralische Verfehlungen wurden wesentlich strenger geahndet. Dieser moralisch-puritanische Zug, auch mit seiner Härte, wurde in einer Zeit der Seuchen, Kriege, Nöte, Ängste und Katastrophen von den Bürgern weitgehend begrüßt.  

Der vierte Anziehungspunkt des evangelischen Glaubens ist mit den vorherigen verwandt: Aus einer bis dahin üblichen willkürlichen, spontanen und sporadischen Armen- und Krankenfürsorge wurde ein wohlausgebautes Sozialwesen. Diese Maßnahme war von entscheidender Bedeutung in einer Zeit der Nöte, Kriege und Katastrophen, wo oft die Hälfte der Bevölkerung als wandernde Bettler auf Mildtätigkeit und Almosen angewiesen war. Die mittelalterliche Vorstellung hatte sogar die Existenz von Bettlern, Krüppeln und Siechen begrüßt, denn Almosen für sie galten als gute Werke, die das Seelenheil bewirken konnten. Damit hat die Reformation gründlich aufgeräumt, denn das Heil für uns wurde durch Christus bereits ein für allemal bewirkt. Aus Dankbarkeit jedoch ist jeder Christ verpflichtet, den Armen in ihrer Not zu helfen.

Die Reformatoren verlagerten die Fürsorge von Mildtätigkeit auf Recht und Gerechtigkeit. Gott hat uns Güter anvertraut, damit wir als seine Werkzeuge sie mit den Bedürftigen teilen. So hat Zwingli in Zürich die wöchentliche Suppenausgabe an Arme eingeführt, die für Bedürftige zu einem Recht wurde. Mit dem organisierten Sozialwesen ging das Eindämmen der allgemeinen Bettelei einher. Diese Maßnahmen wurden von der Bevölkerung weitgehend begrüßt. 

Einen fünften Ansatzpunkt des evangelischen Glaubens bedeutete das starke Eintreten der Reformatoren für eine Verbreitung der allgemeinen elementaren Bildung. Das hängt wiederum mit der Rechtfertigungslehre zusammen, weil der Christ ohne Vermittlung eines Dritten die Weisungen Gottes aus der Heiligen Schrift selbst erkennen kann und soll. Praktische Folgen dieser Grundsätze waren die Förderung von Lesen und Schreiben durch die Einrichtung von Elementarschulen, deren Zahl in jener Epoche radikal zunahm. Evangelische Pfarrer wurden oft Lehrer genannt, so dass nicht selten den Evangelischen nachgesagt wurde, dass sie aus Kirchen Schulen gemacht hätten. Darüber hinaus lagen Bibelübersetzungen und Gottesdienstordnungen in der verständlichen Volkssprache auf dieser Linie; beide sind ebenfalls mit der Reformation untrennbar verbunden. Bibel und Gottesdienst in der Landessprache wurden zu einem der wesentlichsten Kennzeichen der reformatorischen Kirchen, wobei das Verstehen des Evangeliums in der Muttersprache im Vordergrund stand. Eine Missdeutung dieses Grundanliegens für nationalistische Zwecke kam erst drei Jahrhunderte später.

Die Konzentration auf die Heilige Schrift in der Pfarrerausbildung hat vom Ballast der Tradition befreit, förderte den Rückgriff auf die Sprachen der Bibel und die Freilegung ihrer Quellen, auch im Sinne einer kritischen humanistischen Bildungsvorstellung. Nach außen hin erschien dieses Bildungsideal als eine anziehende Entrümpelung von Dämonen, von Aberglauben und von lateinischer Geheimniskrämerei.

Der sechste besondere Anziehungspunkt der Reformation schließt nahtlos an den vorherigen an. Der allgemeine höhere Bildungsstand führte zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein der Evangelischen, gepaart mit der Befreiung von priesterlicher Bevormundung. Dieses Selbstbewusstsein äußerte sich zuerst und vor allem durch das Bestreben, die eigenen Angelegenheiten einer Gemeinde und einer Kirche in Eigenverantwortung möglichst in körperschaftlicher Form in die Hand zu nehmen und zu regeln. In diesem Sinne wurden in den Gemeinden Älteste/Presbyter bestellt, und Vertreter verschiedener Gemeinden kamen in den Synoden zusammen. Auch die Pfarrerwahl wurde zu einem wichtigen Merkmal der evangelischen Gemeindeorganisation. Die hierarchische Kirchenstruktur wurde damit ansatzweise abgelöst durch eine Form, die körperschaftliche Entscheidungen der Betroffenen förderte.

Aus dieser Praxis der Selbstverwaltung und Autonomie ist - vornehmlich auf reformiertem Boden - das Widerstandsrecht gegen Tyrannei, politische und religiöse Unterdrückung hervorgegangen. Einige reformierte Bekenntnisschriften unterstreichen, dass den Körperschaften der Stände, nicht aber den Einzelnen, nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht zusteht, Mächtigen gegenüber Widerstand zu leisten, die den Glauben unterdrücken oder mit Grausamkeit und Unrecht regieren, denn - wie Calvin uns dabei an die Heilige Schrift erinnert -: man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Es ist auch kein Zufall, dass auf dem Genfer Reformationsdenkmal, wo die Statuen der führenden Gestalten der Reformation, überwiegend aus der reformierten Tradition, zu sehen sind, mehr als die Hälfte der dargestellten Persönlichkeiten politische Figuren sind, die an der Spitze von Unabhängigkeits- und Freiheitsbewegungen standen.

Die Konturen dieses evangelischen "Steckbriefes" waren im 16. Jahrhundert noch sehr fließend; sie erhielten erst später festere und manchmal auch rigidere Formen. Viele davon wurden auch von der katholischen Erneuerung aufgegriffen, viele wurden später im säkularen Bereich, wie der Aufklärung, weiterentwickelt und flossen in andere Bewegungen ein.

Manches gehört jetzt auch zum Gut anderer Kirchen der ökumenischen Familie. Wir können heute nicht nur im Anderssein auf die Spuren des Besonderen im evangelischen Glauben kommen, sondern im offenen Gespräch, in der gemeinsamen Verantwortung und im Miteinanderteilen der Erkenntnisse. 

*Dr. Balázs Németh (1931-2018), langjähriger Pfarrer in Wien-West (Zwinglikirche)  

Dieser Text stammt aus dem Buch typisch evangelisch reformiert ("Aktuelle Reihe" des Reformierten Kirchenblattes), herausgegeben von Peter Karner, Wien 1992, und steht hier als Versuch einer historischen Antwort auf die häufig gestellten Fragen "Was ist evangelisch?" und "Was ist reformiert?".